WHEN IMAGES MAKE IT TO REALITY

I wish you all a blessfull month of Ramadan – Ramadan Kareem! – Ich wünsche euch einen gesegneten islamischen Monat Ramadan 

And I wish you all a blessfull month of August – Happy August! – Und ich wünsche euch einen gesegneten September

From the city to the desert, from life on the streets to death in the tombs. This summer I was in a circle, thirsty for knowledge, finding solitude, discovering, learning, praying. In Egypt. Ramadan Kareem. 

Music by Aysenur Helen (Album „Sufiname“)

OUT BEYOND IDEAS OF WRONGDOING AND RIGHTDOING, THERE IS A FIELD. I’LL MEET YOU THERE.


Es ist unser dritter Tag in Kairo, und wir sind zum ersten Mal bei Nachbarn zum Essen eingeladen. Mina steht am Küchentresen und macht Hamburger. Dabei trägt sie ein langes Kleid, eine Hochsteckfrisur und ist geschminkt. Ihre Freundin sitzt in Hose und engem T-Shirt lässig auf dem Küchenstuhl und streicht sich die kurzen Haare aus dem Gesicht.

Wir Frauen unterhalten uns über das Leben in Kairo. Sie geben mir Einkaufstipps und empfehlen Restaurants. Wir sprechen über Sprachschulen und die islamische Universität Al-Azhar. Plötzlich baut sich Minas Freundin auf. Sie erzählt mir, sichtlich verärgert, dass es an der Universität Al-Azhar doch tatsächlich Frauen gäbe, die unterrichteten.

Ich sage, dass ich nichts Verwerfliches daran erkennen kann. Schließlich ist es doch selbstverständlich, dass Frauen Wissen erwerben und weitergeben. „Aber doch nicht an Männer!“, ruft sie. Niemals würde sie sich an der Al-Azhar unterrichten lassen – nicht von einer Institution, die solche Frauen toleriere. Mina nickt zustimmend.

„Was ist denn schlimm an einer Frau, die unterrichtet? Auch du willst doch nicht, bloß weil du ein Stück Tuch nicht trägst, verurteilt werden“, entgegne ich. Sie schaut mich mit großen Augen an und sagt dann empört: „Schwester, ich trage einen Niqab [Gesichtsschleier].“ Ich bin überrascht. Will weder sagen, was ich denke, und schon gar nicht, was ich alles so tue.

Einige Wochen später fängt mein Arabischkurs an. Ich bin froh und euphorisch, will das Land und die Leute besser verstehen. Ich warte im Klassenzimmer, als meine Lehrerin Reehan den Raum betritt. Sie trägt einen Niqab. Plötzlich fühle ich mich unwohl. „Du bist doch offen und liberal, Äußerlichkeiten sind dir nicht wichtig“, sage ich mir. Reehan schließt die Tür und nimmt ihren Schleier ab. Freundlich begrüßt sie mich und fängt mit dem Unterricht an. Ich lerne nicht viel an diesem Tag.

Zuhause lässt mich diese Begegnung, dieses Gefühl nicht los. Ich beschließe, ich will Reehan kennenlernen. Zu Beginn der nächsten Unterrichtsstunde sage ich, dass ich dieses Mal das Reden üben möchte und schieße gleich mit der ersten Frage los: „Warst du auch auf dem Tahrirplatz?“ „Selbstverständlich“, sagt sie. Sie kramt ihr Handy heraus, setzt sich neben mich und zeigt mir Fotos von der Revolution. Dabei erklärt sie mir die Bilder und schreibt gleichzeitig neue Vokabeln auf.

Sie liest mir ein Protestschild vor, bei dem es um den ehemaligen ägyptischen Polizeipräsidenten geht. „Er ist ein schlechter Mann. Er hat versucht Muslime und Christen auseinanderzutreiben, indem er in Alexandria einen Anschlag auf eine Kirche verüben ließ.“ „Warum?“, frage ich. „Um die Bevölkerung von ihren Machenschaften abzulenken“, erklärt Reehan. Dann erzählt sie davon, wie sie die Kopten beschützten und die Kopten sie beschützten. Dass Religion in solchen Fällen egal ist, dass sie alle zusammengehören, weil sie Ägypter sind.

Bei einem Bild bleiben wir hängen. Es ist Nacht, überall sind protestierende Menschen zu sehen. Dazwischen steht ein großes Stück Stoff in Grau mit einer ägyptischen Flagge. „Das bin ich!“, sagt Reehan und lacht – zusammen mit mir.

Warum erzähle ich diese Geschichte? Weil ich mich zum ersten Mal in der „anderen“ Position wiedergefunden habe – zumindest bewusst. Als diejenige, die sich derart vom Äusseren beeindrucken bzw. einschüchtern liess, dass sie blind für das Individuum wurde. Einerseits war ich enttäuscht von mir, andererseits dankbar für die Erfahrung. Denn ich möchte nicht nur verstehen, sondern auch in aller beschämenden Deutlichkeit fühlen: Wie ist es, wenn man einer Person gegenübersteht, die man in erster Linie nur und ausschliesslich mit den Bildern im eigenen Kopf verbindet? Wenn man im eigenen Kopf und Körper ganze Kämpfe und Diskussionen austrägt, um diese Bilder zu überwinden, die eigenen überholten Vorstellungen hinter sich zu lassen und möglichst vorurteilsfrei sich dem Menschen zu öffnen? Den Menschen zu sehen?

Der Gesichtsschleier entspricht nicht meinem Islamverständnis. (Bin jedoch gegen ein Verbot, wie ich hier und hier schrieb). Aber ich sträube mich davor, dass Politik, theologische Fragen oder Meinungsverschiedenheiten jeglicher Art meinen Umgang mit Menschen derart prägen, dass ich in ihnen nur den Konflikt sehe.

Das war auch der Grund, warum ich am 1. Mai 2008 in Hamburg als Nazis demonstrierten mir meinen kleinen Jugendpresseausweis schnappte, ihn dem verwunderten Polizisten an der Absperrung vor die Nase hielt und mich hinstellte. Ein grosser Haufen Glatzköpfe eine kleiner Pseudo-Zaun und dann ich. Mein Plan: Ich wollte mit einem von ihnen reden. Ihn befragen. Warum denkt er so? Wie sieht seine Welt aus? Wie nimmt er sie wahr? Ich habe damals leider gekniffen.

Naiv? Mich treibt die Neugier.

Und wie weit kommt man, wenn man sich stets mit jenen umgibt, die eine tätscheln und verhätscheln?

„Out beyond ideas of wrongdoing and rightdoing, there is a field. I’ll meet you there.“
“Jenseits aller Vorstellungen vom richtigen und falschen Handeln, da ist ein Feld. Da will ich dir begegnen.”
„Doğru ve yanlış fikirlerinin ötesinde bir yer var. Seninle orada buluşacağız.”

Mevlana Celaleddin Rumi

Am Schönsten beschreibt Elizabeth Lesser in diesem TED Talk diesen Gedankengang. Diesen inneren Konflikt zwischen dem „Warrior“ und dem „Mystic“.

IM SPIEGEL

Vor einem Monat bin ich mit ein paar Freunden durch Marokko gereist. Im Bahnhof von Fes ging ich ins Bad um mich frisch zu machen. Vor dem Spiegel leistete mir eine Frau in meinem Alter Gesellschaft. Während ich aus meiner Handtasche eine Bürste heraus holte und begann meine Haare zu kämmen, fing sie zeitgleich an ihr (sehr schön verziertes) Kopftuch neu zu stecken. Ich wuschelte meinen widerspenstigen Pony zurecht, sie zupfte am Tuch hin- und her, das sich nicht weniger zu sträuben schien. Nach gefühlten 5 Minuten saßen Haare wie Tuch zur allgemeinen Zufriedenheit. Noch ein letzter Blick in den Spiegel, dann lächelten wir uns an. Es war ein verstehendes Lächeln, eine kurze Verbindung. Sie ging zu den Gleisen und ich zurück zu meinen Freunden, schmunzelnd.

Vielen Dank an Claudia Knigge für diese wundervolle Geschichte, die sie mir vor zwei Tagen schickte, und ganz besonders vielen Dank, dass ich sie hier teilen darf. :)

ICH SPRECHE SEIFENBLASEN

„Islamistin“ nennt er mich, und ich nenne ihn „Säkularist.“ Er lacht mit mir mit, wir spielen mit Schubladen und Klischees. Zwei Tage schon sind Lucas und ich auf derselben Konferenz. Wir verbringen viel Zeit zusammen, diskutieren und scherzen.

Manchmal aber begegnet mir Lucas recht zurückhaltend, verkrampft und steif. Das liegt an seiner Erziehung, vermute ich. Kindheit und Jugend hat er an elitären Internaten in Frankreich verbracht. Jetzt besucht er eine renommierte Unijversität. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, Hemd und draußen einen Hut. Lucas ist mir sympathisch mit seiner vornehmen Höflichkeit, die so leicht zu irritieren ist.

Auf dem Weg ins Hotelzimmer hält Lucas mich auf und bittet um ein Gespräch. „Klar.“ Er habe einen Fehler gemacht und schäme sich sehr dafür. Jetzt bin ich neugierig. „Ich dachte, du wärst wirklich eine Islamistin“, sagt er. Erst lache ich noch, dann schaue ich ihn ungläubig an. Er meint es ernst. „Ich weiß, das stimmt nicht, und es gibt keinen Grund für diese Annahme. Ich habe dich einfach voreilig in diese Schublade gesteckt.“ Mein Gott, frage ich mich. Wie muss ich bloß auf andere Menschen wirken? Ich bin verwirrt, irritiert, schockiert. Er bemerkt meine Verunsicherung. „Jetzt sehe ich, dass du gar nicht so anders bist als ich. In vielen Punkten vielleicht sogar liberaler“, sagt er und: „Bitte verzeih.“ – „Ach was, kein Problem“, sage ich eilig. Zwei Tage hat es also gebraucht. Wir verabschieden uns.

Im Hotelzimmer lasse ich die letzten Tage Revue passieren. Und die letzten Jahre.

Eine Freundin erzählte mir kürzlich von einer Podiumsdiskussion, bei der eine Kopftuchträgerin stark feministische Positionen vertrat und das Publikum, ebenfalls feministisch, ihr vehement in jedem Punkt widersprach. Sie hörten nur, was sie hören wollten. Sahen nur, was sie sehen wollten.

Ich erinnere mich an Kommentare zu Artikeln auf meinem Blog und Diskussionsrunden. An das Misstrauen im Gesicht meiner Gegenüber. In ihren Augen spiegelt sich ihr Bild von mir: das Kopftuch und ein bisschen Blabla, in der Luft zerplatzend. Ganz egal wie und was ich sage. Ich rede Seifenblasen.

Mich lässt das Gefühl nicht los, hingehalten zu werden, zu warten. Ich nehme die Demokratie ernst und setze mich für sie ein. Ich arbeite dafür mit, dass es irgendwann eine Gesellschaft gibt, in der man unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, sozialem und finanziellem Status, Bildungsgrad und körperlichem Zustand selbstverständlich sein kann. Ich träume von Gerechtigkeit und sitze brav auf der langen Bank der Demokratie. In der Hoffnung, dass man mir irgendwann glaubt, mich dann vielleicht auch hört und irgendwann sogar versteht. Wofür?

Damit Menschen auf edlen Rössern dahergeritten kommen, denen man neben dem Schnuller auch die Demokratie, freies Denken und Aufklärung in die Wiege legte, und die mir alles absprechen wollen? Und mit welchem Recht?

So funktioniert Demokratie nicht. So gibt es keine Gerechtigkeit. Niemand hat sie gepachtet. Jeder muss dafür arbeiten und aufgeben. Auch ihr.

taz, Tuch-Kolumne, 05.07.2011

DIE SEHNSUCHT EINER UNNAHBAREN

Bildcredit: Mona T. Brooks, Netroots Nation

Lamees klappt ihren iPad auf und tippt ein bisschen herum. Ihre langen Fingernägel klackern. Das Make-up sitzt perfekt, das Tuch ist festlich um den Kopf geschwungen. Sie geht stolz und gerade, hat ein freundliches, aber bestimmtes, ein herzliches und gleichzeitig distanziertes Auftreten. Sobald wir den Konferenzsaal verlassen, setzt sie ihre große Sonnenbrille auf. Unnahbar.

Wir sind in Washington auf einer Konferenz. Blogger und Aktivisten aus zwanzig Ländern sind geladen. Lamees kommt aus Bahrain. Dort war sie bis vor den Protesten eine der beliebtesten Journalistinnen des Landes. Man lud sie zu festlichen Staatsanlässen und schicken Galas ein. Ihre spitzzüngigen und kritischen Kommentare waren beliebt in dem kleinen Golfstaat. Lamees war Vorbild vieler Frauen, den Jugendlichen war sie eine Stimme. Alles änderte sich schlagartig, als sie sich für die falsche Seite einsetzte: für die protestierenden Bahrainer auf der Straße.

Lamees sitzt vor mir im Bus. Sie ist still, nachdenklich. Der Platz neben ihr ist leer. Sie setzt sich neben niemanden, niemand setzt sich neben sie. Ich kann meinen Blick nicht von ihr lassen. Möchte mich zu ihr setzen, mit ihr sprechen.

Wir sitzen wieder in einem Konferenzsaal. Es geht um Meinungsfreiheit. Lamees meldet sich und spricht. Währenddessen steigen mir Tränen in die Augen. „Mein Leben ist mir egal“, sagt sie, „aber nicht das Leben meiner Familie.“ Drei Mal zündete man ihr Haus an, wohlwissend, dass nicht sie anwesend war, sondern ihre Familie. Nach und nach verliert Lamees den familiären Rückhalt. Sie bitten um ihr Schweigen. Derweil erhält sie Briefe und E-Mails von Familien, die um ihre Hilfe bitten. Ihre Kinder sind wegen regierungskritischen Facebook-Statusmeldungen im Gefängnis. „Sprich für uns, Lamees“, bitten sie. Sie versucht es. Hin und her gerissen.

Eines Tages ist ihre Schwester, eine Ärztin und Mutter zweier Kinder, nicht mehr da. Die Regierung hat sie entführt. Drei Monate lang sitzt sie für Lamees im Gefängnis und wird gefoltert. Lamees kümmert sich um die Töchter ihrer Schwester, jeden Tag. „Ich sterbe innerlich“, sagt sie. „Meine Schwester, sie folterten meine geliebte Schwester.“ Ihre Stimme zittert, sie entschuldigt sich. Betroffen blicken die Konferenzteilnehmer zu Boden. Lamees fängt sich und spricht kalt und distanziert weiter.

Als wir das Gebäude verlassen, um die Stadt zu besichtigen, sitzt sie alleine in der Lobby. Ich kehre zurück und bitte sie, mit uns zu kommen. Sie lächelt und sagt mit ihrer hohen Stimme und dem arabischen Akzent: „Nein, habibty (mein Schatz), ich bleibe lieber hier.“

Am Abend sitzen wir wieder im Bus. Lamees trägt keine schicke Kleidung mehr, sondern Sportschuhe, weite Jeans und eine locker sitzende Bluse. Ich setze mich dieses Mal zu ihr. Wir sitzen schweigend nebeneinander. „Wie geht es dir?“, frage ich sie. Sie lächelt milde und nimmt meine Hand. „Als ich in der Lobby saß, sprach ich mit meinen Vater. Ich habe seine Stimme vermisst.“

Seit der Inhaftierung ihrer Schwester lebt Lamees in Dubai. Alleine. „Das ist mein Preis“, sagt sie. Sehnsucht.

taz, Tuchkolumne, 22. Juni 2011

ZWEI EURO

Ich stehe in Köln am Bahnsteig und ziehe mir ein Ticket am Ticketautomaten – per Kartenzahlung. Als ich in das Ticketfach greife, entdecke ich ein zwei Eurostück. Soll ich es da lassen? Oder mitnehmen und einem Obdachlosen geben? Obwohl ich mir unsicher bin, ob ich das nicht vergessen werde, nehme ich das Geld mit.

Am nächsten Tag stehe ich am gleichen Bahnsteig, am gleichen Ticketautomaten. 2,50 Euro kostet das Ticket, ich werfe ein 2 und ein 1 Euro-Stück ein. Kurz vor Ticketkauf steht am Bildschirm „Verkehrsbund fehlgeschlagen“. Was soll das denn heißen? Ich klopfe gegen den Automaten. Keine Reaktion. Das Geld ist weg.

GEFAENGNISGESCHICHTEN

Wir sitzen an einem wackeligen Tisch vor einem Fastfood-Stand. Die Sonne knallt, ausserdem ist es sehr schwül in Minneapolis. Ich esse den zigsten und hoffentlich letzten fettigen Veggie-Burger meines Lebens. Mein Stuhl steht zwischen Irak (Qais) und Portugal (Paula) zusammen mit Palästina (Ziad) und Armenien (Samvel). Unsere 24-köpfige Blogger-Truppe ruft sich spasseshalber bei den Ländernamen.

Palästina, Armenien und Irak plaudern aus dem Nähkästchen, sie erzählen Gefängnisgeschichten. Portugal und ich hören gespannt zu. Es ist eine andere Welt. Es sind andere Welten.

Kirkuk in Irak. Es ist 3 Uhr nachts.* Die Türen klopfen und führen Iraks Freund nach draussen. Stockdunkel ist es. Nur ein Militärhubschrauber steht hell erleuchtet vor seinem Haus – „Blackhawk.“
Die US-amerikanischen Soldaten zerren ihn in den Hubschrauber und brüllen ihn an. Er lächelt, grinst. Dann lacht er. Seine Augen leuchten. „Danke. Danke euch!“, sagt er. Die Soldaten sind irritiert. „Ich bin noch nie in meinem Leben geflogen, das ist mein erstes Mal!“, sagt er und er meint es ernst. Seine Freude ist echt. Während ihn die Soldaten anbrüllen und zusammenschreien, schaut er aus dem Fenster, die Ohren taub, die Augen auf seiner Stadt. Er fliegt.

Im Gefängnis beobachtet er die Soldaten intensiv. Interessant findet er sie. 45 Tage werden sie ihn unschuldig festhalten. Als klar wird, dass nichts gegen ihn vorliegt, werden die Soldaten freundlicher. Dann wagt er es und fragt: „Darf ich mit euch Basketball spielen?“ Wieder irritiert er die Soldaten. Doch statt ein Brüllen, antwortet ihm dieses Mal ein „Ok, aber nur kurz.“

Iraks Freund berichtet ihm voll Glück von diesen Ereignissen. Irak erzählt sie uns so weiter. Ich lache und amüsiere mich.

„Er hat bis heute Angst, dass ihn die US-Amerikaner wieder holen und inhaftieren“, sagt Irak über seinen Freund. „Er ist paranoid geworden. Aber wir müssen lachen, was sonst können wir tun?“

*(„3 Uhr nachts? So haben das auch die Sowjets gemacht“, sagt Armenien. „Ja, auch die Israelis. Um die Uhrzeit kann man fast sichergehen, dass alle schlafen“, fuegt Palästina hinzu. „Welch Zufall. Jesus starb um 3 Uhr nachts“, sagt Portugal. Dann ist das wohl Tradition, beschliessen wir.)

QAIS, IRAQ

Qais ist ein kluger Mann. Ein Laecheln auf dem Gesicht, ein warmes Herz. Seit fuenf Tagen reisen wir gemeinsam mit einer Grupper Blogger und Aktivisten aus der ganzen Welt durch verschiedene Staedte der USA. Wir sprechen ueber alle moeglichen Konflikte in der Welt, wir diskutieren und lachen viel. Wir essen und trinken. Wir hoeren zu und sprechen.

Nicht ein einziges Mal habe ich Qais nicht laecheln sehen. „Kennst du Ibrahim Tatlises?“, fragt er mich. Dann zaehlt er seine vielen tuerkischen Lieblingssaenger auf. Bei Mahsun Kirmiziguel macht er halt und zwinkert. Kirmiziguel ist Kurde, sowie Qais.

Wir landen in Atlanta. Qais‘ Namensschild haengt noch an seinem Hemd. Auch „Iraq“ steht auf dem Schild. „Yeah, you’re free now!“, ruft ein Amerikaner, der sein Schild entdeckt. Wir bleiben schockiert stehen. Sollen wir etwas sagen? Wird Qais etwas sagen? „Ok, come to my country. You will see“, sagt Qais. Und laechelt.

Er sitzt auf dem Podium und diskutiert mit anderen Panelisten aus unserer Gruppe auf einer Bloggerkonferenz ueber den arabischen Fruehling. Eine Frage zu der kritischen Beziehung zum Iran wird gestellt. Man will dass er sich feindlich dazu aeussert. Qais Augen huschen durch das Publikum, er entdeckt Mehdi, den iranischen Blogger in unserer Gruppe. „Schaut“, sagt er, „das ist mein Freund Mehdi. Wir waren gestern Abend zusammen Schischa rauchen. Dieser Konflikt ist ein Konflikt der Politik, nicht der Menschen.“ Qais laechelt.

Dann, irgendwann im Laufe des Panels, erzaehlt er von Videos, die er nie veroeffentlicht hat. Von Toten und Verletzten. „Sie sind so schlimm, dass sie die Videos nicht ertragen wuerden. Und ich habe so viele.“ Qais Gesicht ist freundlich. „Mein Schwager wurde vor zwei Wochen umgebracht. Ich habe ihn in zwei Teilen wiedergefunden“, sagt er. Und er laechelt.

Dann entdecke ich die Trauer in seinen Augen. Sie war die ganze Zeit schon da.

IMPRESSIONEN

Die letzten Tage waren voller intensiver Eindruecke, Impressionen und Erfahrungen. Menschen, die ich traf, Orte, die ich sah, Woerter, die ich hoerte. Das American Indian Museum in Washington D.C. war nur ein Teil dieser Zeit, die noch andauert. Um die ersten Eindruecke zu verarbeiten und mich erstmals am Videoschneiden zu probieren, habe ich dieses Video zu der Musik von Philip Glass zusammengestellt. Jetzt aber muss ich mich erstmal sputen, zur Konferenz „Netroots Nation“ in Minneapolis. Je oefter ich das Video mir ankucke, umso mehr Fehler entdecke ich. Schnell weg.