HEISS GEHT’S HER, INNERISLAMISCH.

Schon lange bin ich müde geworden von den vielen Talkshows und Medienbeiträgen, in denen Pseudo-Intellektuelle und rassistische Populisten im Mantel der Islamkritik den Islam und die Muslime diskutieren wollen. Spannung wollen die Macher suggerieren, Kontroverse.

Dabei finden die wirklich spannenden Diskussionen zum Islam ganz woanders statt, nämlich unter Muslimen selber. In diesem Jahr gründete die Journalistin und Doktorandin Nimet Seker Horizonte, Zeitschrift muslimische Debattenkultur. Ernsthaft geht es zu, nachdenklich.

Seker bringt mit dem Magazin das zu Papier, was untergeht in Populärmedien: Die intellektuelle Vielfalt unter den muslimischen Denkern und Schreibern in Deutschland. Versteckte Schätze, Gedanken und Diskussionen, in denen nicht zimperlich umgegangen wird mit der Welt. Auf der Webseite des Kalam Verlags heisst es zu Horizonte:

Horizonte möchte im Diskurs über die Religion des Islam aus theologischer, aber auch anderen wissenschaftlichen Perspektiven intellektuelle, kreative und innovative Denkimpulse geben. Neben theologischen Fragen sollen Diskussionsbeiträge genereller Art zur islamischen Religion publiziert werden. Geplant sind Themen wie Reformislam, feministischer Islam, Sufismus, Islam und Ökonomie oder auch Islam in der Psychotherapie; somit soll der Fokus auf bisher nicht behandelte oder kaum bekannte Ansätze liegen. (mehr)

Die aktuelle Ausgabe der zweimal jährlich erscheinenden Zeitschrift besticht durch ihre Geradlinigkeit: Kritisch, sachlich und zielgenau. So wird zum Beispiel das nach der Sarrazin-Debatte unter Muslimen durchaus beliebte Buch “Die Panikmacher” von Patrick Bahners kritisch rezensiert, hinsichtlich des sich durch fast alle Schriften unserer Gesellschaft ziehenden Orientalismus und Eurozentrismus. Im ersten Moment überraschend, im zweiten: Warum nicht?

Ebenso die kritische Durchleuchtung des Buches “Radikale Reform” von Tariq Ramadan, einem der führenden islamischen Denker unserer Zeit. Warum nicht?

Deshalb wird innerislamisch kritisiert, Diskurskritik betrieben und reflektiert. Die Zeitschrift bemüht sich nicht darum zu gefallen. Mit manchem mag man übereinstimmen, mit anderem nicht. Eine ehrliche Diskussion bleibt der Kern der Zeitschrift.Mit Horizonte wird die Islamdebatte auf jene Foren zurückgezogen, wo sie eigentlich zu führen ist. Bei den Muslimen selber. Keine Sorge. Sie sind kritisch, aber eben auch lösungsorientiert. Und das ist spannend.

Die zweite Ausgabe der Horizonte erscheint im Dezember mit dem Schwerpunkt Al Ghazali, einem der bedeutendsten religiösen Denker im Islam.

SEHNSUCHT KOMMT UND GEHT


Als Hasret das erste Mal weg war, suchte Medine sie überall.
In Aufruhr durchkämmten die Bewohner der türkischen Kleinstadt Felder, Häuser und Bäche. Es wurde schließlich später Abend. Die Laternen der Suchenden, der Mond und die Sterne erhellten das Feld der Familie. Verzweifelt bahnte sich Medine den Weg durch die Orangen-, Zitronen- und Feigenbäume. Und während sie lief, fühlte Medine einen Schmerz, wie sie ihn nie zuvor gefühlt hatte. Weinend rief sie den Namen ihrer Tochter. Immer wieder.

Am Berghang endlich entdeckte sie dann das kleine Mädchen. Hasret lag friedlich schlafend in dem Papphäuschen, das die Brüder ihr gebaut hatten. Der unbekannte Schmerz in Medines Herzen verschwand. Sie schloss ihr schlafendes Kind fest in ihre Arme.

Als Medine ihre Arme wieder öffnete, waren zehn Jahre vergangen. Hasret war nun 13 Jahre alt und sollte bei Verwandten in der Großstadt leben und die gute Schule dort besuchen. Hasret ging und der Schmerz von damals nahm wieder Platz in Medines Herzen. Dieses Mal für immer. Jahre vergingen. Schul- und später Semesterferien waren es, an denen sie sich Mutter und Tochter sahen. Kaum dass Hasret da war, war sie wieder weg. So kam es, dass sie eines Tages als Braut in den Armen ihrer Mutter lag. Auf dem Weg nach Deutschland.

Während sich Hasret in einem weißen Kleid von ihrer Mutter verabschiedete, wuchs Medines Schmerz nun auch in Hasrets Herzen. Hasret weinte in Deutschland, Medine in der Türkei. Es waren jedes Jahr die wenigen Sommertage in der türkischen Kleinstadt, in denen sie versuchten, ihren Liebesdurst zu stillen. Tränenreich wurde jedes Jahr der Abschied. Nie aber sah Hasret ihre Mutter weinen, nie sah Medine ihre Tochter weinen. Hasret weinte im Stillen in Deutschland, Medine im Stillen in der Türkei.

“Mutter, komm nach Deutschland”, sagte Hasret am Telefon. Einmal, nur einmal wünschte sie sich, ihre Mutter als Gast in ihrem Haus begrüßen zu dürfen. Medine zögerte. So weit war das Land, so fremd. “Wer soll das Feld bestellen?”, fragte Medine. Als Medine zu alt wurde, hörte Hasret auf zu fragen.

24 Sommer nachdem Hasret ihr Elternhaus in einem weißen Kleid verließ, hing nun auch in dem Zimmer ihrer Tochter ein weißes Kleid. “Komm nach Deutschland, Mutter. Sei dabei”, bat Hasret am Telefon. “Ich wills versuchen. So Gott will”, antwortete Medine zum ersten Mal.

In dem kleinen Haus zwischen Feigen- und Zitronenbäumen wurde es bunt und fröhlich. Medine und ihr Mann waren beide alt und krank, aber die Aufregung verjüngte sie mit einem Mal. Sie ließ sich vier Kleider nähen und kaufte zu jedem Kleid passende Schuhe und Taschen. Sorgfältig legte sie ihre Kleider auf die Kommode, die Schuhe und Taschen daneben – immer in Sichtweite. Als es auch mit dem Visum klappte und die Flüge gebucht waren, ging es Medine immer besser. Sie war glücklich und jung. So sei es immer, sagen die Ärzte. So kurz vorher.

Drei Tage vor der Hochzeit steigt Hasret in das Flugzeug. Um ein letztes Mal Abschied zu nehmen von ihrer Mutter.

Hasret bedeutet Sehnsucht.

Dieser Text erschien zuerst in der taz Tuch-Kolumne 26. Oktober 2011

DES MENSCHENS WEG UND DES LEBENS PLAN


An manchen Morgen wacht man auf und hat einen Plan. Während man sich vergeblich zum Ziel bemüht, wird einem irgendwann klar, dass das Leben heute einen ganz anderen Plan hat. Der Mensch, hilflos, erstaunt und neugierig zugleich, sieht dann dem neuen Weg zu.

Heute ist ein solcher Tag. Um 5 Uhr früh fängt der Tag in Oxford an, an dem wir den 10.05-Uhr-Flieger in Birmingham kriegen wollen. Aus dem Haus – in der Zeit. Obwohl wir im Stadtzentrum wohnen, gibt es an diesem Morgen überraschenderweise weit und breit keine Taxen. Nach zehn Minuten geben wir auf und beschliessen zu Fuss zur Zugstation zu gehen. Schaffen wir bestimmt – in der Zeit.

Auf dem Weg treffen wir einen Freund und unterhalten uns kurz mit ihm – in der Zeit. Am Bahnhof holen wir uns eine Jahreskarte für Studenten. In der Zeit, denken wir. Bis wir mit den Tickets in der Hand vor dem Zug stehen, der uns vor der Nase abfährt. Unsere Uhren waren um wenige Minuten falsch gestellt und im Internet hatte es eine falsch Zeitangabe gegeben. Langsam dämmert’s.

Eine Stunde später sitzen wir im Zug. Wir können es noch immer schaffen, in der Zeit. 9.36 Uhr sollten wir laut Zugplan am Flughafen ankommen. Wir haben schliesslich schon eingecheckt, Koffer haben wir keine aufzugeben. Dann fährt der Zug plötzlich langsamer und langsamer und langsamer und kommt zum Halten. Eine Ansage ertönt, der Fahrer entschuldigt sich für den Verzug. Wir würden uns verspäten. Langsam dämmert’s.

Mit dem letzten Funken Hoffnung rasen wir, angekommen am Flughafen, aus der Station, durch die Sicherheitskontrollen – wo man uns ungewöhnlich lange aufhält – zum Gate, nur um festzustellen, dass der Bus zum Flugzeug gerade eben abgefahren ist. Durch das Fenster sehen wir das Flugzeug und die Gäste. Die Türen schliessen. “Wäre, hätte, wenn” schiessen uns durch den Kopf. Dann fällt der Groschen.

Es soll halt nicht sein. Jetzt sitzen wir einen Tag in Birmingham fest. Und der ist noch lang. Mal sehen, was das Leben hier mit uns vorhat. Ich bin gespannt.

An manchen Morgen wacht man auf und hat einen Plan. Und während man sich vergeblich zum Ziel bemüht, wird einem klar, dass das Leben heute einen ganz anderen Plan hat. Der Mensch, hilflos, erstaunt und neugierig zugleich, sieht dann dem neuen Weg zu.

Dabei versucht er die Zeichen zu sehen und zu verstehen. Das Warum beantwortet sich übrigens erst im Nachhinein.

Nachtrag: Es ist kurz vor Mitternacht. “Ein seltsamer Tag”, sagt mein Mann. Ja, seltsam und aufregend. Es ist viel geschehen in den letzten Stunden.

GEHEIMTIPP GEBETSRAUM

Istanbul, internationaler Flughafen, sechs Uhr früh. Für Transit-Gäste, die hier für ein paar Stunden stranden, ist der Gebetsraum im Untergeschoss die beste geheime Schlafstätte. Die Lichter sind aus, der Boden ist mit einem weichen Teppich ausgelegt und Damenhandtaschen sind sowieso großartige Kopfkissen. Fünf oder sechs Frauen liegen hier. Ich torkle rein, zu müde, um mich vernünftig umzuschauen, und suche mir einen Schlafplatz. Binnen weniger Minuten bin ich weg.

Eine Stunde später geht das Licht plötzlich an. “Wake up!”, ruft eine Frau. “Cleaning!” ruft sie weiter in einem türkischen Akzent und stupst jede einzelne Frau wach. Sie müsse jetzt hier saugen. Ich richte mich auf und versuche zu registrieren, was los ist. Die Putzfrau ist kräftig, hat sich die kurzen braunen Haare streng nach hinten gebunden und guckt genervt. So wie jemand, der es satt hat, jeden Tag das Gleiche zu sagen, zu tun und zu erleben. Routinierte Frustration.

Die Frauen richten sich nach und nach auf, mittlerweile sind es ziemlich viele hier, stelle ich überrascht fest. Eine ältere Iranerin zieht ihr verziertes Kopftuch über die toupierten Haare und stemmt die Arme in die Hüften. Ob man denn hier nicht später sauber machen könne. Sie sei schon seit Stunden unterwegs, komme aus dem Iran und müsse in wenigen Stunden weiter in die USA. Mariam heißt die Dame, Literaturwissenschaftlerin, kommt aus dem aserbaidschanischen Teil im Nordwesten des Iran, lebt jetzt aber zusammen mit ihren Kindern und Enkeln in Washington, wie ich später erfahre. Sie ist deutlich müde und erschöpft.

Mariam und die Putzfrau diskutieren eine Weile, dann gehe ich dazwischen. Zehn Minuten den Raum verlassen ist doch kein Problem, beschwichtige ich. Schließlich gibt Mariam nach und wir gehen in den Waschraum. Eine etwas korpulente Bosnierin kommt als Letzte aus dem Gebetszimmer und setzt sich an den Beckenrand, wo sonst rituelle Waschungen verrichtet werden.

Im Waschraum unterhalten wir Frauen uns. Eine Kuwaiter Radiologin ist mit ihren beiden Töchtern unterwegs nach Paris. Eine Woche Einkaufen und Sightseeing stünden auf dem Plan, erzählt sie in hervorragendem Englisch. Im Gegensatz zu den drei muslimischen Chinesinnen. Wir lächeln uns an, aber verstehen einander kaum. Sie tragen weite Kleider in Erdtönen und einen hohen verzierten Kopfschmuck. Ich wünsche mir sehr, mich mit ihnen unterhalten zu können. Chinesische Muslime können fließend Arabisch, hatte ich mal gelesen. Doch bevor ich es versuchen kann, ruft uns die Putzfrau wieder in den Gebetsraum. Sie sei jetzt fertig.

Wir setzen uns alle an unsere Plätze, hellwach und neugierig, wohin die jeweils anderen hinfliegen, welche Geschichte sie haben und wie sie so sind. Dann schaltet die Putzfrau das Licht aus. Ein bisschen noch erkenne ich die Silhouetten der anderen, erwartungsvoll sitzen wir da. Als das Schnarchen der Bosnierin die Stille übertönt, legen wir uns langsam widerwillig hin – in der Hoffnung, bald wieder aus dem einsamen Schlaf der Anonymität gelockt zu werden.

Kolumne erschien zuerst in der Taz-Tuch-Kolumne 28. September 2011.