MODE. WENIGER IST MEHR, QUALITÄT STATT QUANTITÄT UND ANDERE FLOSKELN, DIE EINFACH MAL STIMMEN.

avatars myspace at Gickr.com

Eigentlich wollte ich schon vor Ewigkeiten einen Modeblog starten. So einen ethisch-politischen Modeblog, der sich kritisch und beizeiten humorvoll mit der Modeszene auseinander setzt, Ästhetik und Kunst diskutiert – gleichzeitig aber auch einfach schön anzusehen ist. Außerdem wollte ich muslimische Mode vorstellen, Frauenbilder dekonstruieren und schreiben, dass Mode nur ein Medium ist – so wie Internet oder Messer. Gut eingesetzt nützlich oder selbstverwirklichend, schlecht eingesetzt zerstörerisch.

Nun gehe ich zudem selten Klamotteneinkaufen. Einerseits deshalb, weil mir die (medial unterstützte) Vorstellung des in Einkaufszentren und vor Schaufenstern massiv Zeit verschwendenden Menschen missfällt, und andererseits, weil ich meistens ohnehin in dem Grossteil der Läden sofort wieder den Laden verlassen und das Weite suchen muss.

Das liegt an dem eigentlichen Grund dieses Blogeintrags.

Mir ist Qualität wichtig. Nicht die Marke, der Preis oder das Label. Sondern die Stoffqualität und –mischung. Wenn ich mir ein Abendkleid kaufen will, dann kann ich vielleicht schnell fündig werden und ein wunderschönes Seidenkleid entdecken – bis ich dann enttäuscht feststellen muss: Der Futter ist aus Polyester/Acryl/…. Außen hui, Innen pfui: Aber es geht doch gerade um das Innere.

In synthetischen Stoffen wie Polyester, Acryl und Co fühle ich mich wie in einer teuren Plastiktüte. Das Gefühl hatte ich insbesondere im letzten Jahr bei der Suche nach einem Hochzeitskleid. Sehr viel Tütü, Tata, hier aufgepolstert, da aufgebauscht und Glitzerblitzersteinchen überall. Man schaute mich entgeistert an, als ich nach schlichten Brautkleidern fragte. „Du heiratest doch nur einmal!“, empörte man sich. Leider musste ich feststellen, dass es bei vielen Hochzeiten weniger um das Zelebrieren der Liebe und das Zusammenkommen mit den geliebten Menschen geht, als um das Präsentieren und Schaustellen (Protzen ist ein hartes, aber wahres Wort). So kam es, dass meist alle Kleider reich geschmückt, aber aus synthetischen Stoffen bestanden. Ich will aber Stoffe nicht tragen. Ich will Kleidung nicht tragen. Ich will, dass Kleidung und Stoffe ihre Aufgabe tun: Mich umhüllen und kleiden. Oder mir zumindest nicht schaden.

Denn dass synthetische Stoffe Hautkrankheiten erzeugen, sollte kein Geheimnis mehr sein. Hinzu kommt aber der stechende Geruch, den sie erzeugen, weil sie den menschlichen Schweiß nicht aufsaugen, sondern gerade zu anfeuern (da häufig nur schlecht luftdurchlässig).

So will ich lieber wenige, aber hochwertige Kleidungsstücke haben statt viele, aber schlechte, die ich nach zwei Mal waschen ohnehin nicht mehr anziehen kann oder mich krank machen. Ich weiß, das sagen alle Mütter. Aber sie haben da eben auch Recht.
Das Problem ist nämlich, dass Produkte durch synthetische Stoffe täuschend echt wie teure Designerkleidung aus Hochglanzmagazinen aussehen können. Und wir leben nun mal in einer Konsumgesellschaft, die darauf abzielt, reich zu sein oder zumindest reich auszusehen und Reiche zu imitieren. Alles zu haben, mehr zu haben und noch dazu als erstes. Kleidung ist Status. Kleider machen Leute, wir erinnern uns an den Hauptmann von Köpenick.

Warum aber soll gesunde Kleidung nur Reichen vorbehalten sein? Warum zwingt unsere Gesellschaft Menschen, die sich diesen Lebensstil nicht leisten können, dazu nach krankmachender Imitation zu greifen? Warum sind die Leidtragenden unseres Konsumwahns wieder jene, die sich dagegen nicht wehren können (in einem intellektuellen und wirtschaftlichen Sinne)?

Deshalb gehe ich so ungern Einkaufen. Nur ungern mag ich das ansehen.

Mir behagt auch nicht der Gedanke, Kleidung zu tragen, weil irgendwelche Menschen das für modisch erklärt haben oder mir damit ein bestimmter Status zugesprochen wird. Ich kleide mich gerne so wie ich will. Darüber hinaus ist Kleidung für mich Kunst. Punkt. Selbstverständlich bin ich in meinem ästhetischen Bewusstsein von eben jenen Faktoren beeinflusst, die ich hier problematisierte. Das weiß ich. Genauso wie wir auch sonst in unserem Leben und Denken von veralteten Denkmustern, Konventionen und konstruierten Bedürfnissen gelenkt und beeinflusst werden. Das ist ein ewiger Kampf im eigenen Kopf und Herzen.

Übrigens: In den drei Monaten, die mein Mann und ich in Kairo lebten, hat mich eine Sache besonders glücklich gemacht: Dass wir nur wenig hatten. Wir hatten zwei Töpfe, eine Pfanne, zwei flache Teller, zwei tiefe und zwei kleine. Drei Gläser und ein bisschen (Koch-)Besteck. Das war’s in der Küche. Und ich war glücklich, ich brauchte nicht mehr. Das war eine der wenigen Male in meinem Leben, wo Eigentum mein Eigentum war und ich nicht das Eigentum des Eigentums.

SEZER MUSS GEHEN


Sezer ist eine Frau*, hat aber ihren männlichen Namen aus einem früheren Leben behalten. Ich sitze mit ihr in einem Istanbuler Café und trinke Tee. Sezer erzählt. Ich höre zu.

Sie hat sich nicht geschminkt und ist schlicht angezogen. Ihre Nase ist schmal, die Lippen etwas aufgespritzt, die Brüste wirken zu groß für ihren zierlichen Körper. Sie verschränkt schützend ihre Arme davor. Sezer möchte sich verstecken, zumindest nicht herausstechen.

“Ich mag das nicht, laut und auffällig”, sagt sie fast flüsternd. So spricht sie die ganze Zeit, leise und vorsichtig.

Ein schlaksiges Kind muss sie einmal gewesen sein. “Zu schlaksig für meine sieben Brüder”, erzählt Sezer. Sie war das jüngste Kind einer großen Familie in einem Dorf im Osten der Türkei. Blond, schmal und mädchenhaft sah sie aus. Ganz anders als ihre Brüder, die sie deshalb schlugen und hänselten.

“Sie wollten mich psychisch fertigmachen, damit ich mich selbst umbringe. Damit sie das nicht selbst tun mussten”, sagt sie. Glücklicherweise ergatterte sie nach der Schule einen Platz an einer Universität, das war ihr Fluchtweg.

Seit fünf Jahren ist sie nun in Istanbul, ihre Familie hat sie seitdem nicht gesehen. Dafür aber viel Leid. “Wie ein Sack” lag vor zwei Jahren eine ihrer Freundinnen tot auf der Straße, die Kehle von einem Freier durchschnitten.

Die Polizei kümmerte das kaum, sie stellte keine Nachforschungen an, ließ lediglich die Leiche entsorgen. Sezer sagt, Transvestiten seien hier Freiwild.

Sie geht nicht mehr auf Partys, sie nahm ohnehin nie Drogen, hat jetzt aufgehört zu rauchen. Einen Plan hat sie nicht, aber sie würde gerne “normal” sein.

“Ich will einen Alltag, einen unauffälligen Job, Routine. Das wilde Leben ist nichts für mich”, sagt Sezer. Sie sagt, sie wolle wieder ein Mann sein.

Sie erzählt von ihren Freundinnen, die man umbrachte, die im Gefängnis sitzen, und jenen, die sich selbst töteten. “Ab einem bestimmten Alter vereinsamen wir. Schau dir Bülent Ersoy an”, sagt sie. Bülent Ersoy ist die prominente Transvestitin der Türkei, eine berühmte und beliebte Sängerin.

“Viele meiner Freunde ahmen sie nach, aber wir alle wissen, wie unglücklich sie bei all dem Ruhm ist.” Viele beenden ihr Leben früh, wenn ihnen nicht Drogen oder Freier zuvorkommen.

Sezers Freundinnen gehen anschaffen, um Geld nach Hause zu schicken. Dann fragen die Eltern beim nächsten Feiertag am Telefon nicht wieder, wann das Kind denn endlich wieder nach Hause kommt.

Damit sie nie erfahren, dass der Sohn nun eine Tochter ist. Während wir reden, sucht Sezer vorsichtig den Blick der Männer, die an uns vorbeigehen. Auch Sezer arbeitet heute.

“Ich wollte eigentlich nie eine Frau sein”, sagt sie und lächelt mich an. Ich weiß nicht, ob sie das sagt, weil sie glaubt, ich wolle das hören. Ich weiß nicht, ob sie wirklich wieder ein Mann sein möchte oder sich einfach danach sehnt, ihr Leben möge der Mehrheit als normal gelten.

Sie erzählt von Freundinnen, die heiraten, von manchen, die religiös werden und gar das Kopftuch tragen.

Dann nickt ihr ein Mann zu, sie schaut mich an. Sezer atmet tief durch. Sie muss jetzt los.

taz, Tuch-Kolumne, 14. September 2011

* Sezer wählte in unserem Gespräch auf Türkisch das Wort “travesti”, um sich zu beschreiben, nicht transgender. Mir ist bewusst, dass beides nicht zu verwechseln ist. Ich möchte ihr allerdings nicht in den Mund legen, was sie wohl gemeint haben könnte. Heute würde ich diesen Text anders schreiben (und das Gespräch vermutlich anders führen). Damals (2011) war mein Wissensstand und Sensibilität bezüglich der LGBTQI Gemeinden noch sehr begrenzt.

KEINE WIDERREDE!

So stellt man sich in Ägypten Gastfreundschaft im deutschen Zuhause vielleicht vor – doch Ägypten ist weit mehr als das. Weit mehr.

Wir sind in Kairo auf der Suche nach einem Buch. Man gibt uns Wegbeschreibungen, keine ist richtig. Wir laufen hin und her. Es ist heiß, die Sonne knallt und ich bin genervt. Wir treffen schließlich auf Ahmed, einen jungen ägyptischen Geschäftsmann. Er will uns helfen und führt uns in eine Buchhandlung in der Nähe. Ohne Erfolg, das Buch gibt es dort nicht. “Aber vielleicht in einer anderen Buchhandlung”, sagt der Verkäufer und beschreibt Ahmed den Weg.

“Ich fahre euch”, sagt Ahmed. Keine Widerrede. Schnell räumt er die Kindersitze in seinem Wagen weg, bittet uns hinein und fährt los. Auf der Fahrt erzählt er uns von seinem Familienunternehmen, wie sie unter der Revolution gelitten haben und dass es das aber wert gewesen sei. Er sei glücklich mit dem, was er habe.

Eine Stunde später stehen wir mit dem gesuchten Buch an der Kasse. Als wir zahlen wollen, erklärt Ahmed uns, das Buch sei schon bezahlt. Keine Widerrede. Und nach Hause fahren will er uns auch. Keine Widerrede. Als er später nach einer herzlichen Verabschiedung davonfährt, hinterlässt er bei mir mehr als nur ein Buch.

Einige Tage später sitzen wir in einem klappernden Taxi. Es riecht stark nach Benzin, ich muss mir die Nase zuhalten, atme vorsichtig. Es ruckelt, es wackelt. Ich sitze angewidert auf den alten Sitzen und versuche mich nirgends anzulehnen. Dann sehe ich das Gesicht des Fahrers im Rückspiegel: alt und gezeichnet. Er guckt mich besorgt an. Schnell drehe ich mich zum Fenster und versuche unauffällig durch den Mund zu atmen.

Als wir auf einer Schnellstraße an einem Wagen vorbeifahren, der am Straßenrand steht, hält unser Fahrer an und fährt vorsichtig rückwärts. “Was ist los? Kann ich helfen?”, fragt er den Fahrer des gestrandeten Wagens. “Nein, danke”, er warte auf Benzin. Unser Fahrer nickt und fährt weiter. Nach dem Aussteigen hole ich erst mal tief Luft.

Wir erholen uns in der Sultan-Hasan-Moschee, vor über 700 Jahren erbaut und noch immer hervorragend erhalten. Neben uns sitzt ein Mann und macht sich Notizen. Wir kommen ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass Dr. Osama ein bekannter Architekt ist, früher beauftragt mit der Aufsicht sämtlicher religiöser Stätten in Ägypten, heute schreibt er ein Buch über die Architektur dieser Moschee. Er legt seine Arbeit zur Seite und weiht uns in ihre Geheimnisse ein. Als wir uns aufmachen wollen, besteht er darauf, uns zu fahren. Keine Widerrede.

Sein Wagen ist alt, staubig, die Scheibe zersprungen. “Relikt der Revolution”, kommentiert er. An diesem Tag begleitet uns Dr. Osama mehrere Stunden durch Kairo, fährt mit uns einkaufen und essen, zeigt uns besondere Architektur, bevor er uns am Abend zuhause absetzt. Keine Widerrede.

Mich ärgern Müll und Gestank, Stau und schlechte Luft in dieser Stadt. Noch mehr aber ärgere ich mich darüber, wie blind ich doch immer wieder für das Schöne bin. Herzlichkeit und Bescheidenheit, Glück und Gastfreundschaft – an alldem mangelt es nicht in diesem Land.

Und wieder stehe ich vor meiner Haustür. Mit mehr als nur meinem Einkauf.

Dieser Text erschien zuerst in der Taz Tuch Kolumne am 30.08.2011