DAS ERWACHSENE KIND


Das erste Mal sah ich ihn auf dem Weg zurück aus der Wüste. Zwei Tage hatte ich mich in der Ruhe der Wüste vom Getummel der Millionenstadt Kairo erholt. Besonnen und gestärkt zugleich war ich. Wir machten bei einer Raststätte an einer viel befahreren Hauptstrasse halt.

Ich sah ihn zunächst nur aus der Ferne, diesen kleinen Jungen. Fleissig huschte er zwischen den vielen Kunden umher, die sich ein Wasser nach dem anderen bestellten und sich mit Snacks zudeckten. Geschwind nahm er Bestellungen auf, flink stellte er Getränk, Glas und Rückgeld auf den Tisch. Manchmal stellte er sich auf seine Zehenspitzen, legte die kleinen Arme und seinen Kopf auf den Tresen und beobachtete den Verkäufer beim Einschenken. Kaum servierfertig, sprang er auf, lehnte sich über den Tresen und eilte zum Kunden.

Ich bewunderte seinen Eifer. Wie erwachsen er sich doch verhielt für ein Junge seines Alters. 8 Jahre alt müsste er sein, nicht mehr. Lächelnd sah ich dem Kleinen zu. Altklug ist er bestimmt, dachte ich mir. Und manchmal ein bisschen frech vielleicht. Ich grinste.

Dann drehte er sich, noch immer in der Ferne zu mir um, und schaute gleich weiter. Schenkte mir keinerlei Beachtung. Ich hingegen erschrak und schreckte zurück. Zum ersten Mal hatte ich sein Gesicht gesehen. Ein altes Gesicht, gezeichnet und müde. Kein Kindesgesicht. Es war, als hätte man einem Jungenkörper das Gesicht eines 40-Jährigen gegeben.

Ich konnte nicht mehr hinsehen, drehte mich um.

Seitdem sehe ich den erwachsenen Jungen immer wieder. Er wühlt bei uns in der Nachbarschaft im Müll und sucht nach Wiederverwertbarem. Er ist Kellner im Säfteladen. Blind und motorisch macht er seine Arbeit. In der Innstadt läuft er mit einigen Packungen Papiertaschentücher durch die Strassen und hält sie geduldig jedem Passanten hin. Ohne Enttäuschung, wenn man sie ihm nicht abkauft. Eine Gleichgültigkeit.

Ich sehe ihn am Bordstein Sitzen mit einem portablen Schuhputzkasten. Er guckt gar nicht mehr hoch. Wer kommt, der kommt. Dem putzt er die Schuhe dann flink und gründlich, er arbeitet so wie in der Tankstelle auch.

Schnell und ohne Leben. Das Gesicht ist alt. Ohne Neugier. Erfahren und gezeichnet. Keine Unschuld, gealtert in jungen Jahren. Kein Licht in den Augen.

ZAHNRÄDER, DAS NETZWERK

Seit der erfolgreichen Konferenz im letzten Jahr hat sich viel getan im Netzwerk Zahnräder. Wir haben die Altersgrenze (35) aufgehoben, um Aktive und Engagierte jeden Alters anzusprechen (und damit den Nachfragen nachgegeben), neue Projekte und Arbeitsbereiche geschaffen und sind innerhalb weniger Monate von sieben Gründungsmitgliedern auf über 60 Aktive gewachsen, verteilt über die ganze Welt.

Das Netzwerk ist von Muslimen für die Gesellschaft – wobei Muslime undefiniert ist, das kann der einzelne für sich entscheiden. So kommen Aktive aus den verschiedensten Gesellschaftsbereichen zusammen, von Kunst, Kultur über Medien und Wirtschaft bis hin zu Politik und Technik – alles dabei.

Im Vordergrund stehen dabei der Netzwerkgedanke, Kommunikation, Projekt- und Arbeitsprozessoptimierungen, Innovation und Nachhaltigkeit. Deshalb ist Zahnräder kein Substitut zu Verbänden und Vereinen, sonder ein Komplementär – eine offene Kommunikationsplatform zum Vernetzen und projektbezogener Zusammenarbeit.

Die Bewerbungen für die diesjährige Konferenz in vom 7. bis zum 9. Oktober laufen derzeit auf Hochtouren, noch bis zum 1. September kann man sich hier bewerben. Bewerben kann man sich mit einem Vortrag zu einem Thema der persönlichen Expertise, das kann Mode, Kunst, Musik, eine Idee zu einem gesellschaftlichen Projekt oder die Vorstellung der eigenen Arbeit oder Projekte sein. Neben des Preisgelds für die besten drei Projekte, gibt es in diesem Jahr ausserdem die Möglichkeit sich als Impulsprojekt zu bewerben. Nähere Informationen finden sich auf Zahnraeder-Netzwerk.de

Auf Englisch finden sich hierzu Informationen auch auf der Webseite meines Mannes guemuesay.com,

auch sonst empfehlenswert!

Das Organisationsteam freut sich! Und ich freue mich auch :)

For my English-speaking readers: My husband Ali Aslan Gümüsay has written a blogpost on his website about Zahnräder, its aims, structure and networking in general. Strongly recommended! guemuesay.com

WENN MAN FAST(EN) FÜHLT.

zeichnung: kübra gümüsay

„Oh, Kübra. Das tut mir so Leid!“, riefen meine Freundinnen alle gleichzeitig als sie mich entdecken. Ich war soeben auf dem Pausenhof zu ihnen gestoßen. Kaum, dass sie mich sahen, ging die Hektik los. Julia blickte sich panisch wild umher und suchte nach einem Versteck für ihren Schokoriegel. Maja stopfte sich hastig die Reste ihres Wurstbrotes in den viel zu kleinen Mund. Schließlich drehte sie sich und versuchte dort die Reste runterzuschlingen. Lisa versteckte ihren Orangensaft hinter dem Rücken und sagte beschämt: „Total vergessen, dass du fastest.“ Ein gedämpftes „Scholdigong“ ertönte aus Majas Mund. Sie stand noch immer mit dem Rücken zu mir, ganz eindeutig im Kampf mit den Wurstresten. Und Julia wusch sich die Schokoreste vom Mundwinkel. Hach, wie ich diese Mädels doch liebte.*

Jedes Jahr zu Ramadan erklärte ich also meinen Freundinnen aufs Neue, dass es mir wirklich, wirklich, wirklich nichts ausmachte, wenn sie in meiner Anwesenheit aßen. Selbst wenn es Kinderriegel oder Lakritze waren. Und überhaupt: Das war doch die Prüfung. Fasten trotz Versuchung. Jedes Jahr blickten mich meine Freundinnen ungläubig an. „Ja, sicher“, sagten sie nickend. „Genau!”, sagte ich dann zustimmend. Und ich sah sie aber in den nächsten Wochen trotzdem nie Essen. Merkwürdig. Sie glaubten mir also nicht.

Nun, eigentlich hatten sie ja Recht. Ich meine, sie kennen diesen Menschen ziemlich gut, der zum Glücklichsein lediglich Kinderriegel und Lakritze im Viertelstundentakt benötigt. Plötzlich steht aber der gleiche Mensch vor ihnen und erzählt mit dem breitesten Grinsen, dass es ihm absolut und „wirklich, wirklich, wirklich“ gar nichts ausmache, wenn sie Kinderriegel und Lakritze vor ihm essen würden. Ja, sicher denken sie „ja, sicher.“

Doch dieser Monat Ramadan gibt diesem Mensch eine besondere Kraft.

Der Mensch fastet nicht, um nicht zu essen. Der Mensch fastet, um zu fühlen.

Was er fühlt ist jedoch nicht die Abstinenz des Essens, sondern die Anwesenheit von innerer Stärke und Disziplin. Ein Gefühl, das er aber vergaß. Manchmal sitzt dieser Mensch dann bei Sonnenuntergang vor den leckersten Speisen kann aber nicht zugreifen, möchte noch nicht kosten. Denn derweil kostet er von der Minimalität und der Schönheit der Welt. Er sieht mehr als sonst. Und er dankt Ihm. Welch ungeahnte Kräfte in diesem Körper doch steckten, den Er ihm gab. Wie sehr der Mensch doch blind den Gelüsten folgte, statt dem Bedarf. „Wie wenig mir doch eigentlich genügt“, denkt sich der Mensch und ist verwundert und glücklich zugleich. Die erste Lakritze, die der Mensch dann isst, ist die schönste seit einem Jahr. Und die nächste und wieder nächste, bis sie alle wieder gleich schmecken.

Das Ziel muss doch sein, sage ich mir heute, jeden Tag so zu fühlen und zu sehen. Denn diese Stärke gab Er uns, nicht nur im Ramadan.

*Namen und Situationen verfremdet

Dieser Beitrag erschien am 10. August 2011 auf dem Gastblog von Muslimehelfen.org

EIN BISSCHEN ZU NUTTIG

“In Rom, wie die Römer”


Ich wäre auf den Slutwalk gegangen, wäre ich nicht im Ausland.
Zusammen mit Tausenden anderer Frauen und Männer hätte auch ich gegen sexuelle Gewalt und Verharmlosungen von Vergewaltigungen protestiert – gegen Entschuldigungen. Nicht weil ich mich gern – was auch immer das heißen mag – schlampig anzöge, sondern weil dort gegen ein Problem unserer Gesellschaft demonstriert wird: Wir hegen Sympathie für die Täter und beschuldigen gar die Opfer.

Eine junge Frau wird vergewaltigt. Eine Kopftuchträgerin wird angespuckt. Ein junger schwarzer Londoner wird von einem Polizisten erschossen. Der Südländer wird in der Dorfdisko von Neonazis verprügelt. Die Sinti-Familie bekommt die Wohnung nicht, die korpulente Frau nicht den Job im Bekleidungsgeschäft, die Türkin nicht den Ausbildungsplatz. Aber der Täter bekommt Sympathie.

Ein bisschen empören wir uns natürlich, aber irgendwie verstehen wir den Täter ja auch. Sie sind uns alle ein bisschen zu nuttig, zu anders, zu fremd, zu schwarz, zu exotisch. Doch ich habe es satt, in einer Gesellschaft zu leben, die diese Missstände, ob groß oder klein, stillschweigend hinnimmt. Und ich habe keine Lust mehr, mir anhören zu müssen, ich würde auf hohem Niveau klagen, wenn es doch immer das gleiche Muster ist, das all diese Missstände erzeugt.

Wir geben uns Bildern hin. Statt unser Denken zu überdenken, klagen wir an. Ja, was schleichst du, du Schwarzer, auch nachts vor der Nase der Polizei durch die Stadt? Und was suchst du, du Südländer, in der Dorfdisko? Was ziehst du, du Frau, dich so nuttig an? Wenn du das Kopftuch trägst, dann musst du auch mit den Reaktionen klarkommen. Es sind nicht Einzelpersonen, die an unserem System scheitern – es ist die Mehrheit unserer Gesellschaft, die überall in ihre Schranken verwiesen wird. Das Traurige daran: Wir sind alle von diesem Denken befallen.

Als ich 11 Jahre alt war, besuchte eine Anti-Rassismusaktivistin unser Hamburger Jugendzentrum. Die Dame saß in ihrem braunen Leinenkleid vor uns und sprach von Rassismus und Diskriminierung. Meine Freunde und ich waren genervt und gelangweilt. Rassismus ist doch kein Thema mehr, dachte ich. Das war mal – lange her. Es wird niemand mehr vergast, verschleppt und getötet. Es gibt keinen Krieg in Deutschland. Alles ist okay. Es brauchte Jahre, bis ich verstand, dass wir mit unserem Streben nach Konformität heute noch den Lebensdurst der anderen töten.

Vor ein paar Tagen besuchte ich hier in Kairo einen Verein von in Deutschland ausgebildeten Ägyptern. Der Vorsitzende, über 80 Jahre alt, gebrechlich, aber stark, erzählte mir in ausgezeichnetem Deutsch von seiner Promotionszeit im München der 50er, der “besten Zeit” seines Lebens. An den Wänden hingen Landschaftsbilder, “Deutschland” stand in Großbuchstaben darauf. Ein deutsches Klavier verstaubte an der Wand.

Als wir über Diskriminierung in Deutschland sprachen, richtete sich der alte Mann auf und schaute mich von der Seite an. Dann drehte er sich wieder weg und sagte in den Raum: “In Rom wie die Römer.” Einige werden nie verstehen.

Erschienen in der taz, Tuch-Kolumne am 17. September 2011

I AM JUST MAHMOUD

Es ist Nacht in Kairo. Ich stehe auf dem hell erleuchteten Tahrirplatz. Es ist laut. Überall sind Podeste aufgestellt, auf denen Frauen und Männer Reden halten, wild gestikulieren – das Publikum hört aufmerksam zu, ruft rein oder beklatscht die Redner. Überhaupt stehen überall Menschen herum, die diskutieren, sich fotografieren lassen, ägyptische Fahnen kaufen. Zwischendurch umkreist eine Protestgruppe den Platz und ein Meer von Handykameras wird gezückt.

Dann entdecke ich die Bilder der Opfer des Mubarak-Regimes, sie bilden eine lange Straße auf dem Boden des Tahrirplatzes. Menschentrauben umringen die Bilderstraße und gehen sie der Reihe nach durch.

Inmitten des bunten Getümmels stehen große weiße Zelte, mit denen Aktivisten und Demonstranten, vor allem aber Angehörige von Opfern, seit Wochen den Platz besetzen und Gerechtigkeit für die Opfer fordern. In einem der Zelte treffen wir auf Mahmoud, einen pensionierten Physiker mit weißem Rauschebart und langem traditionellen Gewand. “Ich weiß, ich sehe aus wie ein Salafi”, sagt er auf Englisch und lacht. “Bin ich aber nicht.” Routiniert fängt Mahmoud gleich an zu erzählen, warum sie den Platz besetzen.


“Die Revolution ist fast verloren”, sagt Mahmoud. Die drei großen Strömungen – Salafiten, Muslimbrüder und Säkulare – hätten die Revolution an sich gerissen, um Politik für die eigene Sache zu machen. Keine aber vertrete tatsächlich das Volk. “Und wem gehörst du an?”, will ich wissen. Er guckt mich erstaunt an: “Ich bin Mahmoud, einfach nur Mahmoud.” Die Besetzer seien keine Parteivertreter, sondern einzelne Aktivisten und Angehörige der Opfer, erklärt er.

“Wir alle werden diesen Platz nicht verlassen, bevor unsere Forderungen nicht erfüllt werden.” Mubarak und seine Leute müssten bestraft, Gerichtsverfahren gegen die Polizisten, die folterten und mordeten, eröffnet und das Innenministerium und die Polizei neu besetzt werden, erklärt Mahmoud. Wir reden noch lange weiter, bevor ich mich bedanke und durch die kleine Zeltstadt mit ihren bunt bemalten Zeltwänden und provisorischen Unterkünften wandere.

Einige Tage später wird der Tahrirplatz von der Armee plötzlich gewaltsam geräumt. Nichts steht jetzt noch dort. Ich telefoniere mit meiner Freundin Mai, die wie viele andere Ägypter mit der Revolution zur Aktivistin wurde. Hundert Personen wurden festgenommen, unter anderem eine gemeinsame Freundin von uns, die BBC-Journalistin Shaimaa Khalil, die mittlerweile wieder entlassen wurde. Ich verstehe nicht. Warum schreit die Bevölkerung nicht auf?

“Die Besetzer hatten schon lange den Rückhalt in der Normalbevölkerung verloren”, erklärt Mai mir. Durch öffentliche Spenden an Angehörige der Opfer stellte die Armee die Bevölkerung zufrieden – die Besetzer wurden hingegen immer unbeliebter. “Die Besetzer haben ihre Forderungen nicht gut genug kommuniziert und viele Fehler gemacht”, sagt Mai am Telefon und schließlich verzweifelt: “We’re screwed.” Und ich kann nichts tun, nur berichten, was ich höre und sehe.

taz, Tuch-Kolumne, 02.08.2011

BEAUTY (&) RACE – DOCUMENTARY COLLECTION

dark girls

shadeism

double happiness

한 hahn
(insights to a planned and not yet produced documentary on education and competition in korea – but also discussing the ideals of beauty in korean society)

western eyes

make me white
(this a clip made for (one of my favourites) a very impressive documentary on skin bleaching in asian communities, mainly in britain. however i couldn’t find the documentary “make me white” anywhere available online – but only this video.)

edit:

good hair (ft. chris rock) (thanks to “anonymous” for the tip)

Further reading: The Domination of Fair Skin: Skin Whitening, Indian Women and Public Health (pdf) (Thanks to Filiz!)

WHEN IMAGES MAKE IT TO REALITY

I wish you all a blessfull month of Ramadan – Ramadan Kareem! – Ich wünsche euch einen gesegneten islamischen Monat Ramadan 

And I wish you all a blessfull month of August – Happy August! – Und ich wünsche euch einen gesegneten September

From the city to the desert, from life on the streets to death in the tombs. This summer I was in a circle, thirsty for knowledge, finding solitude, discovering, learning, praying. In Egypt. Ramadan Kareem. 

Music by Aysenur Helen (Album “Sufiname”)