SOMETIMES UNLESS

Sometimes, to your surprise, black becomes white.
Sometimes it is you that has changed and not the world.
Sometimes your heart is that does not see beauty.

Sometimes, to your surprise, white becomes black.
Sometimes it is the world that has changed and you are who has stayed the old, the same.
Sometimes your mind is that does not see beauty.

Sometimes seems so meaningless
- unless Always and Never leave you.

drawing (by me) inspired by paolo viviani.

FRÖHLICHE BAYNACHTEN!

Weihnachten ist die langweiligste Zeit des Jahres! – fand ich als Kind einer türkisch-muslimischen Familie, die kein Weihnachten feierte. Im Fernsehen liefen immer nur die gleichen Sachen – obwohl, von “Kevin allein Zuhaus” bekam ich nie genug. Keiner meiner Freunde kam nach draußen zum Spielen, alle hatten zu tun und waren schwer mit der Familie beschäftigt. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, hatte zu allem Überfluss auch noch die Bücherhalle zu. Wie öde ist das denn?Auch sonst war eigentlich alles geschlossen, was ich so kannte. Die Schule. Zu. Der Sportverein. Zu. Supermärkte. Zu. Die Drogerie. Zu. Der Allgemeinarzt um die Ecke. Auch zu. Als Kind machte ich mir richtig Sorgen. Was passiert, wenn wir zu Hause über die Weihnachtstage nicht genug Essen haben? Werden wir verhungern? Was ist, wenn Klopapier ausgeht? Zahnpasta? Milch? Was ist, wenn ich plötzlich Zahnschmerzen bekomme? Oder Fieber? Oder Heißhunger auf Lakritze habe? Ja, richtig. Wo krieg ich in den Weihnachtstagen Lakritze her, verdammt?

Weihnachten ist eine Zwangspause. Unerträglich für abenteuerlustige Kinder, denen an Weihnachten keine Geschenke winken. Deswegen hätte ich damals nie gedacht, dass Weihnachten jemals ein Teil von mir wird. Tatsache ist aber, dass Weihnachten eigentlich das Beste ist, was einem erwachsenen Menschen passieren kann.

Kein Fernsehen und keine Arbeit. Dafür viel Familie und Freunde – sofern man sie zu schätzen weiß. Jedes Jahr, um die Weihnachtstage herum, treffe ich endlich diejenigen Lieben, die über den ganzen Globus verteilt sind – Menschen, mit denen ich es das ganze Jahr über nicht schaffe, zusammenzukommen. Kurz vor Weihnachten reisen wir alle in die Heimatstadt, treffen unsere Familie, Verwandte und Freunde.

Wir tauschen Geschenke aus und taufen das dann “Baynachten”: eine Kombination aus Weihnachten und Bayram, dem muslimischen Fest. Obwohl wahrscheinlich die meisten deutschen Muslime zu Hause keinen Weihnachtsbaum stehen haben, keinen blinkenden Weihnachtsschmuck an den Fenstern und sich gegenseitig keine “frohen Weihnachtstage” wünschen, sind es doch die Weihnachtstage, die ihnen die Gelegenheit geben, besinnlicher zu werden und einander zu besuchen.

Die Feierstimmung und die permanenten Versuche, ein wenig netter zu sein, finden erstens auch Muslime erfreulich und zweitens sind sie ansteckend.

Deshalb ist Weihnachten mehr als ein Fest der – mehr oder weniger praktizierenden – Christen oder autochthonen Deutschen in Deutschland. Weihnachten ist auch ein kulturelles Fest, eine Stimmung, ein Gemütszustand. Und den können alle teilen. Vor zwei Tagen kaufte ich mir am Flughafen kurz vor dem Flug nach Hamburg eine Brezel beim Bäcker. Augenzwinkernd steckte mir die Bäckersdame eine Lakritzstange in die Tüte und wünschte mir frohe Weihnachten. Danke, die werde ich haben. Und die Lakritze gebe ich meinen kleinen Brüdern, die sich wieder einmal furchtbar langweilen werden.

taz Tuch-Kolumne, 21. Dezember 2011

Mehr über Baynachten in Folge I und II.

EIN LANGER ABEND IN TUNIS. WENN FREMDE ZU FREUNDEN WERDEN…


März 2011, Tunis in Tunesien. Amina* steht im Publikum am Mikrofon und stellt François Hollande, dem französischen Präsidentschaftskandidaten der Sozialisten, eine Frage. Er ist an diesem Abend eingeladen, um über Demokratie zu sprechen. Holland unterbricht sie. “Entschuldigen Sie, Mademoiselle”, sagt er zu Amina, “Sie sprechen wirklich sehr gut Französisch.” Hollande lächelt. Amina nicht mehr. “Danke, Sie aber auch”, entgegnet sie. Gelächter im Saal.

“Übrigens, wissen Sie, warum ich so gut Französisch spreche? Weil ihr Land mein Land kolonialisiert hat. Jetzt sitzen Sie hier und wollen uns Demokratie lehren? Wann haben Ihre Leute zuletzt für Demokratie gekämpft und Blut gelassen? Vor über 200 Jahren? Mein Land vor drei Monaten. Also erzählen Sie uns nichts von Demokratie!”

Amina und ich lachen. “Das hast du wirklich so gesagt?”, frage ich. “Ja!”, sagt Amina schulterzuckend und zieht noch einmal an ihrer Zigarette. Dann schnippt sie den Aschenstummel in den Totenschädel aus Ton und lehnt sich grinsend zurück auf ihr Bett. Wir haben uns über Freunde kennengelernt und auf Anhieb verstanden. Meinen letzten Abend in Tunesien verbringe ich deshalb bei ihr und ihren Eltern.

Seit Stunden schon diskutieren und erzählen wir einander. Eigentlich wollten wir noch raus auf eine Demonstration von Aminas Freunden, aber wir blasen alles ab und reden weiter. Unsere Zeit ist begrenzt. Wir sind zwar beide im selben Alter, könnten aber unterschiedlicher kaum sein: Sie ist Tänzerin und Schauspielerin. Keine Haut-und-Knochen-Frau, sondern eine frauliche, starke. Ihre kurzen, braunen Haare sind hinter die gepiercten Ohren geklemmt. Sie hat ein strahlendes Lächeln, gewinnend und selbstbewusst. Sie weiß, was sie will im Leben. Und was sie nicht will.

Vor ein paar Monaten hat sie ihren ägyptischen Freund verlassen, einen berühmten und erfolgreichen Regisseur, 20 Jahre älter als sie. Ihr Traummann. “Aber manchmal, wenn Träume wahr werden, merkt man, dass man ihnen noch nicht gewachsen ist.” Drei Monate nach der Trennung hat er eine Freundin von Amina geheiratet. Sie rief ihn an: “Wehe dir, du machst das, um dich bei mir zu rächen. Sie ist eine Perle, respektiere sie. Nicht du hast ihr einen Gefallen getan, sondern sie dir.”

Nach der Hochzeit ist Amina die erste Person, die das Paar anruft. Sie weinte damals. “Ich dachte, ich weine, weil der Mann, den ich liebe, jemand anderen heiratet. Aber heute weiß ich: Ich weinte, weil es dort in Ägypten zwei wunderbare Menschen gibt, die mich lieben und schätzen.”

Amina ruht sich nicht auf ihrem Status aus. Sie, die Agnostikerin, schimpft wild auf ihre radikalen säkularistischen Freunde, ihre blinde Liebe für den Westen und verteidigt Muslime. Ebenso schimpft sie auf radikale Muslime, die blinde Liebe für die Regeln und die fehlende Spiritualität – und verteidigt dort ihre säkularen Freunde. Amina macht sich Feinde. Doch sie scheut keinen Schmerz. Sie entscheidet sich und lebt mit den Konsequenzen.

Dann sprechen wir wieder über die Liebe. Amina zündet sich eine neue Zigarette an. Es wird ein langer Abend. Ein Abend, an dem eine Fremde zu einer Freundin wurde…

Tuch-Kolumne, 08.12.2011

*Name geändert

PICTURES ARE EMOTIONS IN COLORS AND PATTERNS. TUNIS.












I had stopped taking pictures for a long time. Behind the lense I felt I was watching the world through a blurry window, not being able to feel, smell and sense its real beauty. Pictures had no memories anymore, no emotions. They could’ve had been taken by anyone. It wasn’t personal. It wasn’t my moment.

I want to take pictures for myself – not for others to admire and envy an experience I never had. A picture without emotions is like a book on your shelf you’ve never read.

I want to take pictures for myself. When I look at them, I want to close my eyes and dive into a sea of colors and emotions – sense the moment again.

Now, sometimes when I feel that a moment is worth being remembered, worth being thought of again, my camera says “click”. And I go home knowing my camera is carrying treasures.

This week I was in Tunis for a conference (YMS). My stay was full of wonderful events, people, sights and moments. And today when I had a look at my treasures, I took another trip to this beautiful city. Come with me if you like. Feel with me.

GLÜCK KENNT KEINE KONDITIONEN

Was ist eine ideale Beziehung?

Es gibt keine idealen Beziehungen, denn es gibt keine idealen Menschen. Doch es gibt Ideale, die uns unsere Gesellschaft aufträgt. Sie lassen uns in Erwartungen verirren und blind werden für den geliebten Menschen, der in seiner wunderbaren Unvollkommenheit vor uns steht. Wir konditionieren unser Glück. Doch das Glück kennt keine Konditionen.

Und trotzdem darf sich eine Beziehung niemals auf Unvollkommenheiten ausruhen und statisch werden. Eine Beziehung muss sich wandeln dürfen, zusammen mit den beiden Menschen, die sich um ein besseres Ich bemühen – um gemeinsam ein besseres Wir zu werden.

Glück ist ein Balanceakt zwischen Zufriedenheit im Jetzt und Streben für die Zukunft.

(Dieser Text erschien zuerst in der “Beziehungsweisen”-Ausgabe für 360° – Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft.)

LASST UNS DIES DEN ANFANG VOM ENDE SEIN.


Wehret den Anfängen, wehret den Anfängen… So oft rief man diesen Satz in den vergangenen Jahren. So oft, dass er heute bedeutungslos ist. 182 rassistische Morde zählen wir in meinem Land. 182 zu viel. Das ist kein Anfang mehr.

“Braune Armee Fraktion!”, “Brauner Terrorismus!”, “Braune Morde!”, Braun! Wie ein Wirbelsturm jagte die Neuigkeit in den letzten Tagen über mein Land und zeigte uns die Gesichter einer Krankheit, die wir viel zu lange ignorierten. Mein Land ist krank. Mein Land ist rassistisch. Und die braunen Flecken sind nur seine Symptome.

Wir haben den Falschen applaudiert und die Falschen uns. Sarrazin, wir klatschten. Wilders, wir klatschten. Broder, wir klatschten – und jetzt bluten uns die Hände.

Die waschen wir uns nun. Über unsere braunen Flecken sprechen wie so, als seien es nicht unsere. Als wären es die Flecken anderer. Enthusiastisch und leidenschaftlich stürzen sich nun die Blätter, die jahrelang den Hass schürten, kein Stereotyp unbeschrieben ließen und kein Vorurteil ungenannt, nun auf die Familien der Opfer, besuchen ihre Häuser und waschen dort ihre Hände. Sie schreiben über die bösen Rechten – die anderen.

“Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten, sehet ihr zu.” (Matthäus 27, 24)

Wir alle sind schuld.

Man will die NPD verbieten. Ein Pflaster auf das Blut, die Flecken kleben. Kaschieren, verstecken. Ist Rassismus nicht mehr da, wenn es die NPD nicht mehr gibt?

Nein, die Täter sind unsere Täter. Die Opfer sind unsere Opfer. Das Blut ist unser Blut. Das alles geschieht in unserem Land, in unserer Gesellschaft. Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie sind unser aller Themen. Denn wir sind krank.

Hören wir doch auf, uns hinter den Familien der Opfer zu verstecken, hinter NPD-Verboten. Reden wir über unsere Krankheit, reden wir davon, wie sich der Rassismus durch alle Gesellschaftskreise zieht – von Stammtischen bis hin zu akademischen Champagnerglas- und Steh-Events. Ohne dabei immer wieder unausweichlich beim Thema Deutschenfeindlichkeit zu enden. Es ist auch der subtile Rassismus, der Blick, der Ton, der schmerzt, verletzt und verstößt.

Gestern Abend lernte ich in London eine türkische Juristin kennen, die vor einigen Jahren – unentschlossen, ob sie lieber nach Deutschland oder England auswandern sollte – mein Land besuchte. Eine Woche, sagt sie, habe sie es ausgehalten.
Eine Woche und sie fühlte sich minderwertig, untergeordnet und schwach. Heute ist sie eine erfolgreiche Londoner Anwältin.

Was sollte ich ihr sagen? Ich konnte nur schweigen.

“Rassismus ist doch kein Thema mehr”, rief mir vor ein paar Monaten ein CDU-Politiker in einer Debatte hochrot angelaufen und erbost zu. “Es stirbt doch niemand mehr, es brennen doch keine Häuser mehr.”

Lasst uns endlich ehrlich sein mit uns. Lasst uns die Wurzel unserer Krankheit behandeln, aufeinander zugehen. Stark sein. Gesunden. Lasst dies den Anfang vom Ende sein.
Dieser Text erschien zuerst in der taz-Tuch-Kolumne vom 23.11.2011

BILD DIR DEINE MEINUNG ÜBER DIEKMANN

Man achte auf den Notausgang. So nett, wie auf dem Bild, waren wir nicht zueinander.

Kai Diekmann, Bild-Chef. Der Typ ist einfach mal erfahren, irre abgebrüht und kumpelhaft. So wie der Böse in der Klasse, den man halt mögen muss. Viele aus Angst, die meisten aber, weil sie nicht wirklich glauben wollen, dass er böse ist. Aalglatt ist er. Doch unter der dicken Schicht Haarschaum verbirgt sich eine krause Lockenmähne. So glatt ist er dann doch nicht.

Am Dienstag war Diekmann in die German Society der Universität Oxford eingeladen. Der Saal ist voll. Und die erste Überraschung erleben wir gleich beim Eintreten: Neuerdings trägt Diekmann einen Bart zu seiner Hornbrille – um sich, etwas spät, von Guttenberg abzusetzen? Der Chef des Boulevard-Blatts, das unter anderem für seine Schlagzeilen berüchtigt ist, haute an diesem Abend eine Schlagzeile nach der anderen raus.

Seine Rede über Zeitungsmarkt, Internet, Verantwortung und Bild, Bild, Bild beginnt er mit den Worten: “Meine Damen und Herren, ich stelle fest. Volker Kauder hat Recht. In Europa wird Deutsch gesprochen, auch in Oxford.” (Anlehnung an
diese Aussage) Es ist klar: Wir sollen heute mehr lachen und weniger denken.

Bild ist mächtig. Das weiß Diekmann, er sagt es aber nicht an diesem Abend. Sondern behauptet eher, die Bild-Zeitung zeige wie Deutschland ticke. “Nicht andersherum”, frage ich? Um das Wort “Macht” macht er also einen grossen Bogen, redet aber eigentlich den ganzen Abend nur darüber:

Dem Zeitungsmarkt gehe es schlecht, Auflagen sinkten – nur die Bild nicht! “Wir haben 45% Marktanteil an verkauften Zeitungen am Kiosk”, sagt Diekmann nicht ohne Stolz. Fast jede zweite Zeitung, die über den Tresen wandert, ist also die Bild. Und selbst Online sei Bild das meist besuchte “Nachrichtenportal”, noch vor SpiegelOnline.

Fernsehen sei fragmentiert, es gebe keine nationalen Gemeinschaftserlebnisse mehr, wie etwa vor zwanzig Jahren: “Wenn ich in der Schule meine Freunde fragte, wie sie gestern Abend Dalli Dalli fanden, dann konnte ich sichergehen, dass spätestens der Zweite die Sendung auch gesehen hatte.” Fernsehen ist kein Gemeinschaftsmedium mehr – aber die Bild schon! Nach dem Ende von “Wetten, dass” wird die Bild – so Diekmann – das letzte Medium sein, das derart bündelt und die Nation “zusammenhält.”

“Bild”, die letzte deutsche Hoffnung also. Das sei eine “grosse Verantwortung”, sagt Diekmann. Apropos:

Wie halten Sie es mit der Verantwortung, Herr Diekmann? Es folgen eine Reihe von Beispielen, bei denen Bild vorbildlich agiert habe (zum Beispiel die Nicht-Berichterstattung über Bürger, die in Scharen ihr Geld von den Banken abheben, um damit eine Panikwelle und also eine Finanzkrise zu verhinden). Egal welche Frage, welche Kritik: Die Bild hat aber auch diese und jene gute Sache gemacht, so schlimm kann sie dann ja eigentlich nicht sein.

Volksverdummung? Aber die Bild stellt doch jedes Jahr einen zeitgenössischen Künstler ganzseitig vor und lässt ihn die Seite gestalten. Und zu 9/11 gab es eine ganze vollgeschriebene Seite, die “ich bis heute nicht verstanden habe”, so Diekmann.

Rassimus und stereotypisierende Darstellung? Aber die Bild hat doch die Kooperation mit der türkisch Boulevard-Zeitung Hürriyet, zu dem 50. Jubiläum zum Anwerbeabkommen hat die Bild doch jeden Tag erfolgreiche Türken vorgestellt und ausserdem schreibt jede Woche ein türkischer Kolumnist im Blatt – als ob türkisch-stämmige Kolumnisten DIE Erfindung des Jahres wären. Als ob der jüdische Nachbar von Antisemitismus befreit.

Herr Diekmann, Ausnahmen bestätigen die Regel. Und ihre Beispiele sind nichts mehr als Ausnahmen. Übrigens, als ich auf Ihre “Türkenfreundlichkeit” erwiderte, wie es denn komme, dass Sie die Namen deutscher Täter zu türkischen änderten, wiegelten Sie ab. Das stimme nicht. Nun hab ich den Bildblog-Eintrag rausgekramt und entdecke zudem, dass die “Bild” für die diskriminierende Namenswahl vom Deutschen Presserat gerügt worden ist. Lesen Sie hier – schicke ich Ihnen aber auch gerne per Mail zu.
Vermutlich antworten Sie jetzt wieder: “Wo gearbeitet wird, werden auch Fehler gemacht.”

Anzeigenjournalismus? Unbestechlich sei die Bild in diesem Zusammenhang. Einmal habe eine Auto-Firma bei der Anzeige gebeten, auf der Seite keine Unfälle zu veröffentlichen. Diekmann: “An dem Tag habe ich alle Unfälle, die ich finden konnte, um die Anzeige herum veröffentlicht.”

Der Saal lacht. Diekmann hat es geschafft. Er ist der sympathische Böse, der Freche. Er rühmt sich als “Hauptarbeitgeber des deutschen Presserates” und findet das cool, weil er anschliessend all jene Beschwerden aufzählt, die der allgemeinen Belustigung dienen. So wie der Deutschlehrer, der sich über die “Wir sind Papst”-Schlagzeile (as Ratzinger Papst wurde) beschwerte, da dieser Satz 1. grammatikalisch falsch und 2. auch inhaltlich nicht wahrheitsgemäss sei, da ja nicht alle Deutschen Papst seien.

Ja, lustig. Aber darum geht es nicht. Trotzdem ist der Abend gespickt mit vielen cleveren Bild-Schlagzeilen, belanglosem Smalltalk-Wissen (“1955 war die Lieblingsbeschäftigung der Mehrheit der Deutschen aus dem Fenster zu schauen, heute ist sie Fernsehen”) und natürlich Belustigungen auf Kosten anderer: Zum Beispiel liest uns Diekmann die Übersetzung der Miss South Carolina-Antwort auf die Frage, warum jeder fünfte Amerikaner die USA auf der Weltkarte finden könne, vor. Im Saal lachte aber kaum jemand. Nicht weil Oxford-Studenten von Schadenfreude-Voyeurismus ausgenommen wären, sondern weil alle das Video schon gesehen hatten (bei knapp 53 Mio. Klicks kein Wunder…).

Die letzte halbe Stunde des Abends füllt Diekmann übrigens mit Lobeshymnen auf die Taz. Die “andere Boulevardzeitung”, weil sie so tolle Titelseiten haben (Als Merkel erste Bundeskanzlerin wird titelt die Bild “Miss Germany”, die taz “Es ist ein Mädchen”.). (Mehr über den Taz-Bild-Schlagabtausch
hier.) Das macht er klug und raffiniert. Indem er von der Boulevardisierung der traditionellen Blätter wie FAZ und Süddeutsche erzählt, rühmt er sich, die Bild. Bild, Süddeutsche, FAZ, Taz – alle in der gleichen Kategorie. Nur die Bild kann in dieser Reihe gewinnen als der erfolgreiche und bewusst anstossende Vordenker. Klar.

Dabei ist doch nun auch wissenschaftlich bewiesen, dass die
Bild gar keine Zeitung ist.

Schade, Herr Diekmann, dass Sie so furchtbar gut herumreden, zutexten und witzeln können. Das macht es schwer, Sie nicht zu mögen:

Bildcredit:blog.druckerey.de

Auf Facebook und Twitter sammelte ich Fragen an Diekmann. Hier einige Antworten, die nicht oben in den Text eingebaut sind.

Barabara, die Fritzl-Familienbilder hat er nicht, meint er. Dianas Unfallbilder übrigens auch nicht. Und Fabs, er verwendet kein Gel, sondern Haarschaum. Yasemin: Zu ihrer Meinung komme die Bild-Redaktion durch Diskussionen. Mehr war – trotz beharrlicher Nachfragen eines Zuhörers – nicht herauszukriegen.

Auf meine Frage, für wie dumm er die deutsche Gesellschaft halte, bekam ich übrigens auch keine abschliessende Antwort. Aber wenn Taten sprechen, braucht man ja keine Worte vergeuden.

ZWEI JAHRE SEIT MARWA EL SHERBINI UND WIR HABEN NICHTS GELERNT?


Wir hatten diese Debatten schon einmal in ähnlicher Form:
Vor zwei Jahren als die Ägypterin Marwa El Sherbini vor Gericht von einem Rassisten erstochen wurde. Da war man auch erst einmal still, paralysiert und viele Medien und Politiker redeten dann ganz schnell am Thema vorbei. Wir sind es halt noch nicht gewohnt, das Kind beim Namen zu nennen: Rassismus. Ganz im Gegenteil, wir sind noch weit davon entfernt. (Darum geht es auch in einer morgigen Kolumne in der taz)


Ein Jahr nach Marwa El Sherbini machte Sarrazin Schlagzeilen, sein Buch “Deutschland schafft sich ab” wurde zu einem Bestseller. Als wäre nie etwas passiert. Denn rechtsradikale Gewalt geht natürlich von verrückten Einzeltätern aus und Rassismus ist nur ein Randproblem von ein paar Nazis, an denen sich einige heulend-maulenden hypersensiblen “Ausländer” stören. Heute erfahren wir von einer rechtsradikalen Terrorszene, die seit einem Jahrzehnt in Deutschland mordet.

Damals schrieb ich in meinem Blogeintrag “Was tun wir jetzt? – Der Fall Marwa” über die Versäumnisse der Politik:

Die Islamaphobie wird von der Mehrheitsgesellschaft und der Bundespolitik nicht als Problem – bzw. gesellschaftlicher Missstand – erkannt.

Weiterhin zitierte ich:

Josef Winkler, der migrationspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, sagte der taz (9. Juli 2009) hierzu, “verkappt islamfeindliche Positionen” seien bis in höchste Regierungskreise verbreitet.
Sevim Dagdelen, migrationspolitische Sprecherin der Linken zum gleichen Thema: “Die Bundesregierung macht den Fehler, Rassismus nur als Problem der extremen Rechten zu sehen. Rassismus reicht aber bis in die Mitte der deutschen Gesellschaft und Übergriffe gehören zum Alltag dieser Republik.”

Ich könnte den gleichen Text in leicht abgeänderter Form heute nochmal bloggen. An Relevanz haben diese Worte nicht verloren. Das ist traurig, ein Armutszeugnis. Also zwei Jahre und keinen Schritt vorwärts?

Nicht ganz. Ich beobachte eine hohe Sensibilisierung und einen sehr selbstbewussten Umgang mit dem Thema Rassismus bei Migranten, Deutschen mit Migrationshintergrund und engagierten autochtonen Deutschen: Keine lethargische Hilfslosigkeit mit flehendem Blick nach “oben” zur Mehrheitsgesellschaft – “Helft uns!” – sondern Souveränität. Mehr und mehr begreifen das Thema tatsächlich als gesamtgesellschaftlichen Missstand, formulieren dies so, wehren sich gegen Marginalisierung und scheuen sich nicht lautstark auf Fehler hinzuweisen. Doch das reicht noch lange nicht:

Wir müssen vor allem in der Mehrheitsgesellschaft einen neuen Umgang mit diesem Thema finden und die Probleme tatsächlich ernst nehmen. Keine Abwiegelungen ala Ministerin Schröder, die jede Diskussionen über Rassismus mit ihrem Superthema “Deutschenfeindlichkeit” zum Erliegen bringt und konstruktive Diskussionen, die zu einem besseren Miteinander in unserer Gesellschaft beitragen könnten mit allen Mitteln verhindert. Zum Beispiel mit ihrer Kürzung von staatlichen Geldern für Anti-Rassismus-Projekte, wie bereits öffentlichkeitswirksam nun diskutiert wurde. (Eine gute Zusammenfassung zu Schröder ist hier zu finden)

Zum Abschluss ein Appell von damals, der mich heute nachdenklich macht:

Wir alle dürfen die Diskussion nicht auf den Fall Marwa E. reduzieren. Marwas Fall hat Diskussionen ausgelöst, die nicht gleich abebben und auf den nächsten Mord warten dürfen. Wir müssen es schaffen, konstant miteinander im Dialog zu bleiben.

Hinweis: Derzeit gibt es in vielen deutschen Städten die Möglichkeit sich zumindest symbolisch durch Rechts aufzustellen – “Schweigen gegen das Schweigen”. Nähere Informationen finden sich auf der Facebook-Seite.

HEISS GEHT’S HER, INNERISLAMISCH.

Schon lange bin ich müde geworden von den vielen Talkshows und Medienbeiträgen, in denen Pseudo-Intellektuelle und rassistische Populisten im Mantel der Islamkritik den Islam und die Muslime diskutieren wollen. Spannung wollen die Macher suggerieren, Kontroverse.

Dabei finden die wirklich spannenden Diskussionen zum Islam ganz woanders statt, nämlich unter Muslimen selber. In diesem Jahr gründete die Journalistin und Doktorandin Nimet Seker Horizonte, Zeitschrift muslimische Debattenkultur. Ernsthaft geht es zu, nachdenklich.

Seker bringt mit dem Magazin das zu Papier, was untergeht in Populärmedien: Die intellektuelle Vielfalt unter den muslimischen Denkern und Schreibern in Deutschland. Versteckte Schätze, Gedanken und Diskussionen, in denen nicht zimperlich umgegangen wird mit der Welt. Auf der Webseite des Kalam Verlags heisst es zu Horizonte:

Horizonte möchte im Diskurs über die Religion des Islam aus theologischer, aber auch anderen wissenschaftlichen Perspektiven intellektuelle, kreative und innovative Denkimpulse geben. Neben theologischen Fragen sollen Diskussionsbeiträge genereller Art zur islamischen Religion publiziert werden. Geplant sind Themen wie Reformislam, feministischer Islam, Sufismus, Islam und Ökonomie oder auch Islam in der Psychotherapie; somit soll der Fokus auf bisher nicht behandelte oder kaum bekannte Ansätze liegen. (mehr)

Die aktuelle Ausgabe der zweimal jährlich erscheinenden Zeitschrift besticht durch ihre Geradlinigkeit: Kritisch, sachlich und zielgenau. So wird zum Beispiel das nach der Sarrazin-Debatte unter Muslimen durchaus beliebte Buch “Die Panikmacher” von Patrick Bahners kritisch rezensiert, hinsichtlich des sich durch fast alle Schriften unserer Gesellschaft ziehenden Orientalismus und Eurozentrismus. Im ersten Moment überraschend, im zweiten: Warum nicht?

Ebenso die kritische Durchleuchtung des Buches “Radikale Reform” von Tariq Ramadan, einem der führenden islamischen Denker unserer Zeit. Warum nicht?

Deshalb wird innerislamisch kritisiert, Diskurskritik betrieben und reflektiert. Die Zeitschrift bemüht sich nicht darum zu gefallen. Mit manchem mag man übereinstimmen, mit anderem nicht. Eine ehrliche Diskussion bleibt der Kern der Zeitschrift.Mit Horizonte wird die Islamdebatte auf jene Foren zurückgezogen, wo sie eigentlich zu führen ist. Bei den Muslimen selber. Keine Sorge. Sie sind kritisch, aber eben auch lösungsorientiert. Und das ist spannend.

Die zweite Ausgabe der Horizonte erscheint im Dezember mit dem Schwerpunkt Al Ghazali, einem der bedeutendsten religiösen Denker im Islam.

SEHNSUCHT KOMMT UND GEHT


Als Hasret das erste Mal weg war, suchte Medine sie überall.
In Aufruhr durchkämmten die Bewohner der türkischen Kleinstadt Felder, Häuser und Bäche. Es wurde schließlich später Abend. Die Laternen der Suchenden, der Mond und die Sterne erhellten das Feld der Familie. Verzweifelt bahnte sich Medine den Weg durch die Orangen-, Zitronen- und Feigenbäume. Und während sie lief, fühlte Medine einen Schmerz, wie sie ihn nie zuvor gefühlt hatte. Weinend rief sie den Namen ihrer Tochter. Immer wieder.

Am Berghang endlich entdeckte sie dann das kleine Mädchen. Hasret lag friedlich schlafend in dem Papphäuschen, das die Brüder ihr gebaut hatten. Der unbekannte Schmerz in Medines Herzen verschwand. Sie schloss ihr schlafendes Kind fest in ihre Arme.

Als Medine ihre Arme wieder öffnete, waren zehn Jahre vergangen. Hasret war nun 13 Jahre alt und sollte bei Verwandten in der Großstadt leben und die gute Schule dort besuchen. Hasret ging und der Schmerz von damals nahm wieder Platz in Medines Herzen. Dieses Mal für immer. Jahre vergingen. Schul- und später Semesterferien waren es, an denen sie sich Mutter und Tochter sahen. Kaum dass Hasret da war, war sie wieder weg. So kam es, dass sie eines Tages als Braut in den Armen ihrer Mutter lag. Auf dem Weg nach Deutschland.

Während sich Hasret in einem weißen Kleid von ihrer Mutter verabschiedete, wuchs Medines Schmerz nun auch in Hasrets Herzen. Hasret weinte in Deutschland, Medine in der Türkei. Es waren jedes Jahr die wenigen Sommertage in der türkischen Kleinstadt, in denen sie versuchten, ihren Liebesdurst zu stillen. Tränenreich wurde jedes Jahr der Abschied. Nie aber sah Hasret ihre Mutter weinen, nie sah Medine ihre Tochter weinen. Hasret weinte im Stillen in Deutschland, Medine im Stillen in der Türkei.

“Mutter, komm nach Deutschland”, sagte Hasret am Telefon. Einmal, nur einmal wünschte sie sich, ihre Mutter als Gast in ihrem Haus begrüßen zu dürfen. Medine zögerte. So weit war das Land, so fremd. “Wer soll das Feld bestellen?”, fragte Medine. Als Medine zu alt wurde, hörte Hasret auf zu fragen.

24 Sommer nachdem Hasret ihr Elternhaus in einem weißen Kleid verließ, hing nun auch in dem Zimmer ihrer Tochter ein weißes Kleid. “Komm nach Deutschland, Mutter. Sei dabei”, bat Hasret am Telefon. “Ich wills versuchen. So Gott will”, antwortete Medine zum ersten Mal.

In dem kleinen Haus zwischen Feigen- und Zitronenbäumen wurde es bunt und fröhlich. Medine und ihr Mann waren beide alt und krank, aber die Aufregung verjüngte sie mit einem Mal. Sie ließ sich vier Kleider nähen und kaufte zu jedem Kleid passende Schuhe und Taschen. Sorgfältig legte sie ihre Kleider auf die Kommode, die Schuhe und Taschen daneben – immer in Sichtweite. Als es auch mit dem Visum klappte und die Flüge gebucht waren, ging es Medine immer besser. Sie war glücklich und jung. So sei es immer, sagen die Ärzte. So kurz vorher.

Drei Tage vor der Hochzeit steigt Hasret in das Flugzeug. Um ein letztes Mal Abschied zu nehmen von ihrer Mutter.

Hasret bedeutet Sehnsucht.

Dieser Text erschien zuerst in der taz Tuch-Kolumne 26. Oktober 2011