WAS MÖCHTEN SIE?

“Was ich möchte? Ich möchte… ich möchte viel. Vor allem aber möchte ich nicht in eine Kategorie gesteckt und einfach abgestempelt werden.

Ich möchte in den Bundestag und unsere Bundeskanzlerin kurz bei einer Rede stören, um allen zu sagen, dass ich keine Terroristin bin, weil ich ein Kopftuch trage und Muslimin bin. Dass im Kuran nicht steht, dass wir unschuldige Menschen töten dürfen. Dass ich mein Kopftuch freiwillig trage und von keinem unterdrückt werde. Und das soll mir auch keiner versuchen auszureden.

Ich werde eine Aufklärerin. Ich bin frei und möchte frei bleiben. Ich werde eine freie Aufklärerin. Ich möchte Menschen zum Nachdenken bewegen. Sie sollen nicht alles glauben, was ihnen in den Medien gesagt wird. Wenn den Menschen etwas nicht passt, dann sollen sie auch etwas tun und nicht ständig darüber diskutieren. Ich will sie dazu bewegen. Ich werde eine freie bewegende Aufklärerin.

Dann werde ich Medizin studieren, um in Palästina und im Irak den Kindern zu helfen, die nichts für den Krieg, für den Kampf können. Ich werde eine freie helfende bewegende Aufklärerin.

Ich werde auch Mode machen. Mode, die zeigt, dass auch das Kopftuch schön ist. Ich werde kreativ sein. Ich werde eine freie kreative helfende bewegende Aufklärerin.

Und ich werde Mutter. Eine Mutter, die nie in Vergessenheit gerät, weil sie ihre Kinder so gut und liebevoll erzogen hat, dass sie in ihnen weiterlebt. Ich werde eine freie kreative helfende bewegende unsterbliche Aufklärerin.

Und ich werde Muslimin bleiben – so Gott es erlaubt. Ich werde – so Gott es erlaubt – eine freie kreative helfende bewegende unsterbliche muslimische Aufklärerin.”

Ich war siebzehn Jahre alt, als ich diesen Text schrieb. Im Mai 2006 trug ich ihn in einem Literaturzentrum vor. Meine Träume und Ziele haben sich seither kaum geändert. Nur die Wege dorthin, die sind anders.

Heute bin ich 22 Jahre alt geworden.

GARTEN MIT CHILLI

Das sind nicht alle

Pfercht man eine britische Amerikanerin, eine amerikanische Bengalin, eine indische Kenyanerin, eine pakistanische Britin, eine britische Nigerianerin und mich in einen wunderschönen Londoner Garten, dann philo-diskutieren wir über Identitätsprobleme, Schuldkomplexe, Täterpsychologie, Radikalisierung und die Evolutionstheorie. Wir laufen barfuß und klettern auf Bäume. Oder liegen im Gras und üben Kanga-Bindetechniken. Und am Ende des Tages geben wir unser Essen Obdachlosen, um dann in der Bahn erschrocken zu erinnern, dass das verschenkte Gericht nicht nur scharf gewürzt, sondern auch in XXL-hot-Chilli-Soße getunkt war.

(Ich lächle hier gezwungen und unecht.
Das hat den Grund, dass die Sonne volle Kanne auf mein Gesicht prallte
und ich die Augen gerade so noch aufbekam.)

















MIT DEM KLAVIER ZUR MUTTER JESU


Es ist dunkel. Ein bisschen violett, dann färbt ein blaues Licht die Bühne und die Silhouette einer Frau wird sichtbar. Sie trägt ein langes weißes Kleid und einen weißen Schal. Leise ertönt Geigenmusik, dann eine Querflöte, dann Klavier. Die Bühne erhellt sich und ich erkenne nun ein Gesicht. Die tiefschwarzen Haare sind zu einem losen Dutt zusammengebunden, prüfend schaut sie ins Publikum. Alia beginnt zu erzählen.

Klatsch! Rotes Licht flutet die Bühne. Mit Schwung schellt Alias Hand in die Höhe. Sie beschreibt, wie Abu Jehil mit voller Wucht Fatima schlug. “Vater der Ignoranz”, so nennen Muslime diesen Mann, der Fatima, die Tochter des Propheten Mohammed, grundlos ohrfeigte, als er ihr zufällig auf der Straße begegnete.


Die Musik hält inne.

Alia schaut in das Publikum und lässt uns den Schmerz fühlen, den die kleine Fatima spürte. Wie sie ihre Tränen unterdrückte und mit erhobenem Kopf den Ort der Erniedrigung verließ.


Ich bin in einem Kulturzentrum im Osten Londons und höre mir traditionell islamische Geschichten zu westlicher klassischer Musik an. Alia, die Erzählerin, spricht von starken Frauen im Koran. Von der Jungfrau Maria und der Liebe, mit der sie ihren vaterlosen Sohn, den Propheten Jesus, aufzog.


Wir reisen viele Jahrhunderte zurück zu Asiya, der Frau des Pharaos, die das Kind vom Nil, den späteren Propheten Moses, bei sich aufnahm, ihn aufzog. Eine Frau, die für ihn und ihren Glauben viel ertrug. Und wir reisen zu Hatice, der erfolgreichen Geschäftsfrau und ersten Frau des Propheten Mohammed, die selbstbewusst dem Propheten einen Heiratsantrag machte.


Der Klang von Alias Stimme trägt meine Gedanken in einem Tagtraum fort. Zu meiner Freundin Myriam, einer quirligen französischen Britin: Als Kind eine Schauspielerin, setzt sie sich heute als Akademikerin und Journalistin für Frauen, den Islam und Gleichberechtigung ein. Sie ist direkt, ehrlich und schlagfertig. Genau wie Sultana, die hübsche Anwältin, die seit einigen Tagen auf Postern in ganz London zu sehen ist – als Teil einer Kampagne gegen Islamophobie in Großbritannien.


Da ist Hacer, die alleinerziehende Mutter von drei Söhnen, die sich gegen ihren Exmann durchsetzte und heute auf eigenen Beinen steht. Da sind die beiden Schwestern, die sich dem Kopftuchverbot an türkischen Universitäten nicht beugen wollten und heute in England ohne Eltern und Bekannte ein neues Leben aufbauen und studieren. Und da ist …


Klatsch! Wieder ist Alias Hand oben. Dieses Mal war es Abu Jehil, der perplex dastand und nicht wusste, wie ihm geschah. Fatima hatte sich beim Stammesführer beschwert. “Führ mir genau vor, was vorgefallen ist”, bat er. So ging das kleine Mädchen zurück zu Abu Jehil und schlug ihm ins Gesicht. Nicht aber die Ohrfeige schmerzte Abu Jehil, sondern von einem kleinen Mädchen vor seinen Stammesleuten bloßgestellt zu werden. Von der kleinen Fatima wusste man seitdem, dass sie Ungerechtigkeit nicht duldet. Von den muslimischen Frauen heute sollte man auch noch mehr hören. Es wäre schön, wenn das kein Traum bliebe.


taz, Tuch-Kolumne, 09.06.2010