GEBETSKETTENGESICHTER

Das, meine werten LeserInnen, ist ein Gebetskettengesicht.
Bilder aus der Kindheit machen melancholisch. Ich musste kürzlich an meine tollen Abende in der Moschee denken. Und an die Gebetskettengesichter.

Für uns Kinder waren Abende in der Moschee ein einziges Abenteuer. Die Erwachsenen trafen sich zu irgendwelchen Erwachsenen-Kultur-Sachen und wir saßen ganz brav neben unseren Müttern. Anfangs zumindest. Unsere Versuche, den Vorträgen zu folgen, scheiterten nämlich unheimlich schnell. Also gaben uns unsere Mütter Bücher zum Lesen, Hefte zum Malen oder Spielzeug zum Spielen. Aber auch damit hielten wir uns nicht lange auf. Denn kaum dass sich die ersten Kinder in einer Ecke zum Spielen versammelten, konnten auch meine Schwester und ich nicht still sitzen. Wir schauten unsere Mutter fragend an, sie wiederum nickte uns zu – nicht ohne „Aber leise bitte!“ hinterher zu flüstern.

Spielen war das Größte! Wir spielten Verstecken, Ticken, Eis-Ticken, Catlak-Patlak, Charlie-Chaplin (ging nach Hamburg…), Ding-Ding-Doli, Yag Satarim Bal Satarim und – ach! – noch hundert andere (ausgedachte) Spiele. Ich kann mich daran erinnern, wie wir immer mehr in unsere Spielewelt eintauchten, alles um uns herum vergaßen (und damit auch, dass wir leise sein mussten). Wir spielten immer bis zur Erschöpfung und die alten Omis fragten uns, ob wir unsere Würmchen losgeworden waren. Im Türkischen sagt man nämlich „kurtlari dökmek“, wenn man etwas tut, was man schon lange tun wollte. Ich stellte mir also vor, wir würden uns so lange bewegen und herumlaufen bis die Spielelust-Würmchen, die sich an unserem Po festklammern, abfallen.

Wobei das nicht immer so war: „Kurtlar“ kann nämlich sowohl Würmer als auch Wölfe bedeuten. Deshalb stellte ich mir eine Zeit lang vor, ich würde kleine Spielelust-Wölfe abschütteln, die sich an meinem Po festbeißen. Aber nur eine Zeit lang, denn die Spielelust-Würmchen-Vorstellung fand ich angenehmer.

Jedenfalls waren wir nach dem ganzen Spielelust-Würmchen-Abschütteln unglaublich müde, setzten uns wieder zu unseren Müttern und schliefen erschöpft ein. Und die Erwachsenen hatten endlich ihre Ruhe.

Zu meinen anderen Lieblings-Beschäftigungen in der Moschee gehörten die Gebetskettengesichter. Ich liebte es, Gebetsketten zu sammeln und Bildchen daraus zu formen. Dinosaurier und Autos waren einfach, am lustigsten waren aber Gesichter. Die Bändchen waren schließlich geradezu prädestiniert für Pferdeschwänze. Stundenlang konnte man mich damit unterhalten. Und nun, nach mehr als zehn Jahren, hab ich wieder ein Gebetskettengesicht gebastelt und bin die Würmchen losgeworden.

BLOGGEBURTSTAG#1 oder WIE ALLES BEGANN

Die Fremdwoerterbuchautorin mit fast acht Monaten. 27.02.1989
Irgendwann im November 2007 kam ein fremdwoerterbuch auf die Welt: weiß, rosa und nackig. Tage vergingen, Monate, ein halbes Jahr. Nichts geschah. Ein fremdwoerterbuch war noch immer rosa, noch immer weiß und noch immer nackig. Schuld war die fremdwoerterbuchautorin. Die wusste nämlich nicht, was sie mit ihm anstellen sollte. Ihr wollte einfach nichts einfallen. Und hier hätte die Geschichte von ein fremdwoerterbuch auch fast schon enden können – fast.
Eines sonnigen Tages im Mai 2008 schlenderte die fremdwoerterbuchautorin durch Hamburgs Straßen, als ihr eine alte Dame begegnete und sie aus heiterstem Himmel „Schleiereule“ nannte.
Das war er. Der Moment, in dem alles hochkam:
Die Frauen, die glaubten, sie müssten sie befreien. Die Senioren, die aus allen Wolken fielen, wenn sie Deutsch sprach. Die überraschten Mitfahrer in Bus und Bahn, wenn sie wider Erwarten nicht explodierte. Die Kinnladen, die nicht zugehen wollten. Die Vorurteile, die nicht enden wollten. Die Schubladen, in die sie nicht passte.
An diesem Tag war die fremdwoerterbuchautorin sehr nachdenklich. Keiner will in eine Schublade, dachte sie sich. Warum sollte es bei ihr anders sein? Doch sie ward zufrieden, als sie feststellte:

Kennt man sich, so braucht man keine Schublade mehr.
Das war am 7. Mai 2008. Noch am selben Abend schrieb sie diese ersten Worte in ein fremdwoerterbuch. Und daher ist dieser Tag der eigentliche Bloggeburtstag. Herzlichen Glückwunsch liebes ein fremdwoerterbuch!
PS: Vielen lieben Dank für die Glückwünsche! (genannt sei hier vor allem Lukas) Und übrigens: Wenn ihr Vorschläge, Ideen oder Kritik habt, dann nur raus damit!

WENN WIR GESCHICHTE UND KULTUR RIECHEN KÖNNEN…

Der „Kriegsveteran“ Mustafa Gazi ist Kult auf der Istiklal Caddesi.


…dann befinden wir uns auf der Istiklal Caddesi in Istanbul, Türkei. Allein am Wochenende drängen sich drei Millionen Menschen auf drei Kilometer Kultur, Geschichte und Abenteuer. Dreimillionenundeins wurden es, als auch FREIHAFEN dem fesselnden Geruch folgte.

„Lasst mich los! Ich muss dringend mit Lenin sprechen – sofort!“, schreit ein älterer Herr nach seinem Sturmversuch auf das russische Konsulat in Istanbul, während ihn die Wärter und Polizisten abführen. Wild um sich schlagend und weiterhin unbeirrt behauptet er, Lenins Cousin zu sein. Nur befindet sich Lenin leider gar nicht im Konsulat und ist außerdem schon lange tot. So fährt der Streifenwagen mit dem sehr enttäuschten Herren davon und die Zurückbleibenden haben etwas zum Lachen – „wieder ein Mal“, sagen die Wärter des Konsulats. Denn solche Aktionen und Gestalten sind keine Seltenheit auf der Istiklal Caddesi, der wohl aufregendsten und buntesten Straße Istanbuls.

Schon immer zog die Istiklal Caddesi Künstler, Intellektuelle, Abenteurer und Charaktermenschen aus aller Welt an. Im 19. Jahrhundert nannten Europäer Istanbul Paris des Ostens und die Istiklal Caddesi Grand Rue de Péra. Auch heute lockt die Stadt, und speziell die Istiklal Caddesi, durch ihre Mischung aus Orient und Westen, Kultur, Abenteuer und Geschichte.

Da ist zum Beispiel Mustafa Gazi, ein auffälliger und viel zu junger Istiklal-Kriegsveteran mit einer Rose an der Brust. Bei Wind und Wetter steht er auf der Istiklal Caddesi und lässt sich von neugierigen Touristen fotografieren. Verständlich bei den vielen Medaillen, die er auf seiner Uniform trägt. Bei genauerer Betrachtung fällt dann aber auf, dass die Medaillen allesamt eigentlich nur bunte Buttons sind, seine Uniform die eines Busfahrers und die Krawatte zu den städtischen Metro-Angestellten gehört. Trotzdem hören sich jeden Tag zahlreiche Touristen seine Kriegsgeschichten an. „Es war ein harter Kampf. Wir waren ständig im Einsatz – Tag und Nacht“, erzählt Mustafa Gazi vom Istiklal-Krieg und freut sich über die Anerkennung. Von der Istiklal Straße ist er mittlerweile kaum wegzudenken.

Genauso wie ein Besuch bei einem der vielen alten Eisläden, die das weltberühmte Maras-Eis verkaufen. Der 36-jährige osmanisch gekleidete Ali verkauft das gummiartige Eis nun schon seit 25 Jahren. Geschickt und kunstvoll macht er jeden Eiskauf zu einer Unterhaltungs-Show. So sehen einem nicht selten zwanzig Passanten beim Eiskauf zu, wenn Ali das Eis zu einer langen Schlange zieht, durch die Luft wirbelt, auf die Waffel klatscht und sie dem Käufer hinhält – mal mit und mal ohne Eis, wieder verschwinden und den Käufer verdutzt dastehen lässt. Nach fünf Minuten hat der Hungrige seine Waffel mit Eis in der Hand und kann es nicht wirklich glauben. Die Zuschauer klatschen und ziehen weiter zur nächsten Attraktion:
Hier spielen Straßenmusikanten klassische türkische Musik mi
t Instrumenten aus allen Ecken der Welt, dort hält ein Mann eine Rede und wieder woanders werden mitten auf der Straße Theaterstücke aufgeführt. Etwas weiter lauscht eine Menschentraube dem melancholischen Spiel eines Puppenspielers und auf dem Boden vor einem indischen Laden malt ein Kreidekünstler.

Männer vor einem Cafe in einer Seitengasse der Istiklal Caddesi.

Inzwischen ist es früher Abend, die vielen kleinen Läden umrahmt von verzierten Gemäuern tauchen in ein warmes Rot. Zwei junge Studenten sitzen an einem Tisch vor einem Seitengassen-Cafè. Sie lauschen der Musik eines Ney-Spielers, trinken schwarzen Tee und spielen Tavla, ein traditionell türkisches Brettspiel. Das tun hier alle, von jung bis alt. Dabei gestikulieren sie wild, lachen und scherzen. So auch der Student Orkun und die Studentin Tutku. Jede Woche treffen sie sich hier und immer öfter besiegt Tutku ihren männlichen Kommilitonen in diesem typischen Männerspiel. Auf die Frage, warum sie ausgerechnet auf der Istiklal Caddesi spielen, antworten sie: „Hier ist es so lebendig und fröhlich. Die vielen unterschiedlichen Menschen, denen wir hier begegnen! Und außerdem: Es riecht hier so schön – nach Geschichte und Kultur.“
„Es riecht nach Geschichte“ – das sagt man so im Türkischen.

Die jahrhundertealten Gebäude, die Tränen des Lenin-Fans, Mustafa Gazis Ansteckrose, das Maras-Eis, der Tee, die Kreide, das Holz der Instrumente und die Menschen. Ich schließe die Augen – und tatsächlich: Jetzt rieche ich es auch.


veröffentlicht 2007 im FREIHAFEN, Ausgabe „Luxus“, Download hier
Englisch auf Today’s Zaman

Bild 1: Nilgunerzik;Bild 2: Robino; Bild 3: Nermz; Bild 4: privat

EIN ♥ FÜR BLOGS / BLOGGERVALENTINSTAG

Ich vergaß fast: Heute ist Ein-♥-für-Blogs-Tag! Und nun sitze ich auf der Campuswiese, aß soeben Mittagsfrühstück und soll schreiben, welche deutschsprachigen Blogs ich gerne lese.
Das sind eigentlich alle, die bei mir unter FREUNDESWOERTER stehen: Akifs Welt, Alex‘ Giraffe, Christophs Leben, Lenas Dreisekunden, Marias Fernweh, Nicos Geslamme, Oigns Osten, Omars Kekse, und ganz besonders gerne Oskars Milliarden.

Aber außerdem: Lauras Tagträumerei, Nicoles Mädchen, Evas Hurra, Christophs ki, Romans Elefanten, das Überding, Kaminers Geschichten, Inas Filme und eigentlich würde ich diese Liste fortsetzen wollen, doch mein Rücken braucht Bewegung. Nach einer Stunde Lehne werden Bäume eher ungemütlich.

Sonne, Wiese, Baum, Uni, Baum, Wiese, Sonne

STRANGERS

Unterschiede trennen uns nicht, sie verbinden uns
Strangers (2002) ist ein wunderbarer Kurzfilm von den zwei talentiersten Jung-Regisseuren Israels, Erez Tadmor und Guy Nattiv. Die beiden Regisseure arbeiten ganz ohne Worte und erzeugen mit viel Symbolik eine Spannung zwischen den Charakteren: Zwei junge Männer in der Pariser U-Bahn finden sich inmitten des israelisch-arabischen Konfliktes wieder – bis ihre Unterschiede sie nicht trennen, sondern verbinden. Strangers gehört zu jenen Filmen, von denen man sich nicht nur mehr wünscht, sondern auch inständig hofft, dass sie gesehen werden.STRANGERS by Erez Tadmor, Guy Nattiv

 

SO SCANDALOUS

Das sind sie, die Interviewten für das Skandal-Buch:
„Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung“


Wow. Das Skandal-Buch macht sich ganz schön gut!
Ich glaubte, Reaktionen kämen in den ersten drei, vier Wochen nach der Veröffentlichung und danach wenige bis gar keine. Denkste! Sie hören nicht auf. Jede Woche schickt jemand aus dem Skandal-Buch-Kurs eine E-Mail mit dem Hinweis auf eine neue Rezension.
Die Rezensionen waren insgesamt wunderbar positiv und das Buch bekam ganz viel Lob. Toll! Ein bisschen freuen ist gesund. Und das tue ich hiermit!

Es rezensierten (oder vorabdruckten) bisher Amazon, UniSpiegel, Unicum, Hamburger Abendblatt, brandeins, Das Magazin, Brigitte, Zenit, Deutschland-Radio, FTD, FAZ, FR, SZ, Tagesspiegel, ZeitOnline, vorwärts, ef-magazin, Welt, SpiegelOnline, nochmal SpiegelOnline, Lesezirkel, e-politik, 3Sat, mdr usw usf.

KRIMSKRAMSPOST

Wer lange nicht bloggt, kann nur Krimskrams-Posts schreiben. Es passiert einfach zu viel im Leben. Oder man möchte zu viel sagen.

 

An der Uni und am Bachelor herumnörgeln – darin war ich in den vergangenen drei Semestern einsame Spitze. Doch dann kam die ultimative Wende…

Letzte Woche fing nämlich das vierte Semester an. Und – oh Wunder! – ich habe nun endlich das Gefühl, so richtig zu studieren. Wissen vertiefen, nach Interessen gehen, Schwerpunkte setzen!

Ich habe so tolle Fächer wie „Islam und Politik“, „Angst in der modernen politischen Theorie und im modernen politischen Denken“ oder „European Neighbourhood Policy“. Wie funktioniert Politik in mehrheitlich islamischen Ländern wie der Türkei, Indonesien oder Pakistan? Wie wird mit Angst Politik gemacht? Wie ist die EU-Außenpolitik zu Israel und Palästina? Alles Fragen, die mich brennend interessieren. Ich bin furchtbar gespannt. Weitere euphorische Meldungen werden sicher folgen.

Und sonst gibt es jede Menge Terminchen:

Die Jugendmedientage 2009
Die JMT sind jedes Mal ein Abenteuer. Letztes Jahr beim ZDF in Mainz, starten sie in diesem Jahr auf dem Expo-Gelände in Hannover. Thema in diesem Jahr: „Ethik in den Medien – Eine Frage der Ehre“
Unbedingt hinkommen, denn ich werde auch da sein und einen Workshop leiten.
Start: 11.-14. Juni, Anmeldeschluss: 22. April, mehr Infos:
jugendmedientage.de
Der Myumma.de Blog-Wettbewerb
Es war ja fast schon eine Schande. Muslime in Deutschland zeichnen sich durch eine gewisse Träää…ägheit aus – zumindest im Vergleich zu den britischen Muslimen, die alles ratzfatz machen. Auch in der Bloggerszene entstehen nur laaangsam deutschsprachige Blogs von Muslimen. Das soll nun beschleunigt werden. Myumma.de ruft zum Blog-Wettbewerb auf! Es gibt total tolle Preise zu gewinnen, wie zB ein Umra-Reisegutschein, ein Netbook oder ein Jerusalem-Reisegutschein!
Unbedingt mitmachen! Ich hab nämlich ein kleines Wörtchen mitzureden.
Einsendeschluss: 20. Mai, mehr Infos: myumma.de

Muslimische Jugend: Coole Muslime?
Die Evangelische Akademie Loccum engagiert sehr im christlich-islamischen Dialog. So gibt es bald wieder ein sehr interessantes Seminar zu dem Thema „Coole Muslime? Was wollen und können muslimische Jugendorganisationen zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen?“
Drei Tage lang wird diskutiert, analysiert und nochmal diskutiert. Das Programm könnt ihr euch hier anschauen.
Start: 15. bis 17. Mai, Anmeldeschluss: 07. Mai, mehr Infos auf loccum.de

Und weil mich mein Bloggergewissen plagt, da ich mein Blog so lange ruhen ließ: Hier kommt der erste Kurzfilm von Baba Ali, dem muslimisch-amerikanischen Typen auf dem Bürostuhl, der auf YouTube so lustig kritisierte. Er twittert und bloggt übrigens.

TOMORROW NEVER COMES

DIE SACHE MIT DEM URLAUB

Ich mache das ja auch. Diese Urlaubssache.
Zu Hochmittelalterzeiten sagten Ritter Urloup, wenn sie nach Erlaubnis fragten, um in die Schlacht zu ziehen. Heute sagen wir Urlaub, wenn wir in die Schlacht ziehen. Ist doch so. Urlaub = Schlacht. Was bitte sollen denn die Reisen nach New York, London, Paris, Madrid, Barcelona, Istanbul, Mumbai, Kairo, Amsterdam, … in die reizüberflutenden Großstädte dieser Welt sonst sein?
Also machen wir uns nichts vor.
Zack Zack, Flash Flash, Tack Tack, Brumm Brumm.
Die Augen sind weit aufgerissen und der Mund auch ein bisschen. Die übergroße digitale Spiegelreflex-Kamera baumelt vor dem Bauch herum, der Körper müsste eigentlich nach vorne kippen, doch der dicke Rucksack zieht nach hinten. Stehaufmännchen-ähnlich steht er dann da. Der Mensch im Urlaub.Der Urlaub-Mensch ist aber nicht nur Stehaufmännchen, sondern auch Schwamm. Ein Monsterschwamm, der alles Wissen, alle Wörter und Reize absorbiert. Unaufhaltsam stampft er von Museum zu Museum und lichtet alles ab. Auch Michelangelos Deckengemälde im Vatikan – aber nur heimlich, da verboten. Alles: Die Mind-the-Gap-Bepinselung am Londoner Bahnsteigrand, die nichtvorhandene Lücke zwischen Pariser Stoßstangen, die gelben New Yorker Taxen und die müden Männer vor türkischen Cafes.Der schwamm-artige, stehaufmännische Urlaub-Mensch mit seinen starren Blicken lässt jede Mumie im Londoner National Museum einen zweiten Tod sterben.

Und er frisst. Frisst sich durch die Essenschlacht der Nationalgerichte.
Und er kauft. Dem Euro-Teuro-Prinzip Folge leistend kauft der Urlaub-Mensch ganze Einkaufstraßen auf. So viel wie nur geht, alles viel billiger hier.

Noch ist der Schwamm nicht voll. Ein bisschen Lifestyle muss her. Bisschen Einheimische kennenlernen hier, Konzert da und unaufgeregt, gelangweilt oder „von-den-blöden-Touris-genervt“ kucken. Auch Szene-Lokale, Insider-Restaurants und Underground-Bars wollen warmgesessen werden. Da gewesen sein. Das ist alles.

Stress.

Dieser Großstadtdschungelkampf ist Pseudo-Urlaub, das muss mal in die Köpfe. Spätestens dann, wenn man Zuhause ohne Umwege ins Bett fällt und den Tag durchpennt, ist klar: Urlaub ist was ganz anderes. Urlaub ist, was ich an diesem Wochenende anfangen werde. (Nach zwei Pseudo-Urlauben bitter nötig)

Entspannt von Kopf bis Fuß unter der warmen Sonne liegen mit Büchern, die man schon immer lesen wollte, Bildern, die man schon immer zeichnen wollte, Fotos, die man schon immer machen wollte, Wörtern, die man schon immer schreiben wollte. Ein Urlaub für den Kopf, den Körper und für die Sinne.

Ein Urlaub, der mich schon beim Schreiben ins Schwärmen bringt und entspannt. Das, meine Lieben, ist Urlaub.

Davon sollten wir uns öfters mal was gönnen. So haben wir genug Energie für den nächsten Pseudo-Urlaub, der einfach zu viel Spaß macht, als dass man ihn aufgeben könnte.

Dieser Song ist übrigens wie ein Kurzurlaub: Einfach mal Augen schließen und anhören.

The Pied Piper by Yoriyos.

AN TAGEN WIE DIESEN

An Tagen wie diesen, da möchte man mitten auf der Straße, mitten im Menschenstrom, stehen bleiben und rempeln. Schütteln und rütteln. Aufwecken. Verdammt nochmal! schreien, warum vergessen und verdrängen wir? Am liebsten jemandem eine scheuern, die Wut aufkochen lassen, innerlich brodeln und doch resignieren. Die Luft ist raus.

Es ist immer das Gleiche: Ein Unrecht, ein Krieg geschieht. Die Zahlen und Bilder richten die Härchen auf den Armen auf. Kaum ist der anfängliche Schock überwunden, senken sich die Härchen wieder und der Krieg wird zum Alltag.

Ich will nicht, dass sich meine Härchen senken, nicht an den Krieg gewöhnen, nicht resignieren.

Julia Deeg erinnert. Sie ist im Westjordanland und unterstützt dort den friedlichen Widerstand gegen die israelische Besatzung. Einige ihrer Briefe wurden nun im Freitag veröffentlicht. Unbedingt lesen.

Wir erinnern uns doch an den Krieg, oder?
Und die Sonne lacht so schadenfroh.


Bildcredit: Jeremyville

SKANDAL! DIE MACHT ÖFFENTLICHER EMPÖRUNG

Das sind wir im Gruppenfoto – Jens Bergmann und Prof. Pörksen in der Mitte und wir 28 Studenten drumherum.

Endlich, endlich – seit Freitag gibt es offiziell das Buch „Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung“ und ab dem 09.02 im Handel. Ein Buch, zwei Herausgeber, 28 Studenten und 29 Interviews mit Prominenten, die Skandale produzierten, verursachten oder in jene verwickelt waren: Opfer, Täter, Beobachter.
Die beiden Herausgeber Prof. Bernhard Pörksen (Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen) und Jens Bergmann (brand eins) haben zusammen mit uns Studenten innerhalb von zwei Semestern ein tolles Interview-Buchband zu dem Thema Skandale produziert.

So berichtet Entführungsopfer Natascha Kampusch, wie sie ihre Privatsphäre gegen Übergriffe der Boulevardpresse verteidigt. Der Undercover-Reporter Günter Wallraff beschreibt die Kunst, Missständen Namen und Gesicht zu geben. Der Radrennfahrer Patrik Sinkewitz gibt Auskunft über die Folgen seiner Doping-Beichte und systematische Manipulationen im Leistungssport. Die Politikerin Gabriele Pauli enthüllt die gnadenlosen Machtkämpfe in ihrer ehemaligen Partei, der CSU. Der Soziologe Ulrich Beck spricht über das kulturelle Nervenkostüm der Gesellschaft und die befreiende Wirkung des Skandals. Der Lyriker Sascha Anderson redet über seine Stasi-Vergangenheit, die ihn nicht mehr loslässt…
Zur Pressemitteilung hier.

Ich führte zusammen mit anderen Interviews mit Sascha Anderson, Jürgen Todenhöfer und Darryn Lyons. Das Buchprojekt war und ist eine wunderbare Erfahrung – noch nie habe ich an der Uni so viel gelernt. Ein tolles Projekt! Herzlichsten Dank dafür an Herrn Pörksen und Herrn Bergmann.


Rike sagt schon sehr schön: Meine nächsten Geschenke stehen fest, ich werde jedem das Buch schenken. – Ich glaube, ich mach das auch so.


Fotocredit: Dennis Williamson