DIE SACHE MIT DEM URLAUB

Ich mache das ja auch. Diese Urlaubssache.
Zu Hochmittelalterzeiten sagten Ritter Urloup, wenn sie nach Erlaubnis fragten, um in die Schlacht zu ziehen. Heute sagen wir Urlaub, wenn wir in die Schlacht ziehen. Ist doch so. Urlaub = Schlacht. Was bitte sollen denn die Reisen nach New York, London, Paris, Madrid, Barcelona, Istanbul, Mumbai, Kairo, Amsterdam, … in die reizüberflutenden Großstädte dieser Welt sonst sein?
Also machen wir uns nichts vor.
Zack Zack, Flash Flash, Tack Tack, Brumm Brumm.
Die Augen sind weit aufgerissen und der Mund auch ein bisschen. Die übergroße digitale Spiegelreflex-Kamera baumelt vor dem Bauch herum, der Körper müsste eigentlich nach vorne kippen, doch der dicke Rucksack zieht nach hinten. Stehaufmännchen-ähnlich steht er dann da. Der Mensch im Urlaub.Der Urlaub-Mensch ist aber nicht nur Stehaufmännchen, sondern auch Schwamm. Ein Monsterschwamm, der alles Wissen, alle Wörter und Reize absorbiert. Unaufhaltsam stampft er von Museum zu Museum und lichtet alles ab. Auch Michelangelos Deckengemälde im Vatikan – aber nur heimlich, da verboten. Alles: Die Mind-the-Gap-Bepinselung am Londoner Bahnsteigrand, die nichtvorhandene Lücke zwischen Pariser Stoßstangen, die gelben New Yorker Taxen und die müden Männer vor türkischen Cafes.Der schwamm-artige, stehaufmännische Urlaub-Mensch mit seinen starren Blicken lässt jede Mumie im Londoner National Museum einen zweiten Tod sterben.

Und er frisst. Frisst sich durch die Essenschlacht der Nationalgerichte.
Und er kauft. Dem Euro-Teuro-Prinzip Folge leistend kauft der Urlaub-Mensch ganze Einkaufstraßen auf. So viel wie nur geht, alles viel billiger hier.

Noch ist der Schwamm nicht voll. Ein bisschen Lifestyle muss her. Bisschen Einheimische kennenlernen hier, Konzert da und unaufgeregt, gelangweilt oder “von-den-blöden-Touris-genervt” kucken. Auch Szene-Lokale, Insider-Restaurants und Underground-Bars wollen warmgesessen werden. Da gewesen sein. Das ist alles.

Stress.

Dieser Großstadtdschungelkampf ist Pseudo-Urlaub, das muss mal in die Köpfe. Spätestens dann, wenn man Zuhause ohne Umwege ins Bett fällt und den Tag durchpennt, ist klar: Urlaub ist was ganz anderes. Urlaub ist, was ich an diesem Wochenende anfangen werde. (Nach zwei Pseudo-Urlauben bitter nötig)

Entspannt von Kopf bis Fuß unter der warmen Sonne liegen mit Büchern, die man schon immer lesen wollte, Bildern, die man schon immer zeichnen wollte, Fotos, die man schon immer machen wollte, Wörtern, die man schon immer schreiben wollte. Ein Urlaub für den Kopf, den Körper und für die Sinne.

Ein Urlaub, der mich schon beim Schreiben ins Schwärmen bringt und entspannt. Das, meine Lieben, ist Urlaub.

Davon sollten wir uns öfters mal was gönnen. So haben wir genug Energie für den nächsten Pseudo-Urlaub, der einfach zu viel Spaß macht, als dass man ihn aufgeben könnte.

Dieser Song ist übrigens wie ein Kurzurlaub: Einfach mal Augen schließen und anhören.

The Pied Piper by Yoriyos.

6 Comments DIE SACHE MIT DEM URLAUB

  1. Eva

    Du hast recht, wir brauchen also dringend einen neuen Begriff. Ich sag statt “Pseudourlaub” meistens auch nur “Wegfahren”, aber das ist ja auch noch nicht so das Wahre. Wie auch immer: Wohin fahren wir denn jetzt alle im Sommer? (;

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  2. kübra yücel

    @niki: Danke! Hatte einen schönen, erholsamen Urlaub :)
    Das Lied ist übrigens von dem Sohn von Cat Stevens. Daher rührt der Wind :)

    @basti: Da hab ich aber Glück gehabt!

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