NATIONS ARE OUT

Birte und ich redeten über Kulturen und sprachen aus, was wir schon immer dachten: Denken in Nationalkategorien ist out. (Besonders Birte, sie besucht ein Seminar zu diesem Thema. Titel ist mir entfallen, werde ich nachtragen.)

Kulturen sind nicht nationengebunden. Die Geheimsprache zwischen zwei Kindern kann schon eine Kultur sein, erklärte mir Birte. Kultur kann eine bestimmte Lebenseinstellung sein. So kann ein Däne mit einer bestimmten Lebenseinstellung einem Mexikaner näher sein, als seinen Landsmännern und -frauen. Diese Lebenseinstellung kann aus Religion, Musik, Kunst, Ideologie und jegliche Art von Vorliebe bestehen. Und diese Lebenseinstellung, die kulturell ausgelebt wird, kann nationenübergreifend verbinden.

Mit diesem Gedanken kann ich gut leben. Sie befreit mich von der Frage, ob ich deutsch, türkisch oder sonst was bin. Ich bin ich, mit meiner Kultur, meiner Lebenseinstellung und meinen Vorlieben. Damit erklärt sich mir auch, warum ich mich im Ausland eher zu der politisch interessierten Tschechin und der künstlerischen Algerierin geselle, als zu dem türkischen Snob oder der deutschen Metzgerin.
Denken in Nationalkategorien ist also out.

Und Nationalisten? Da kann ich nur wiederholen, was ich hier schonmal schrieb. Menschen denken nationalistisch, wenn sie nichts anderes haben, woran sie sich orientieren können, denke ich.
Ausnahmen bestätigen – wie immer – die Regel.

PRILFLECKEN oder: GEGEN DIE OPER

Gestern waren Birte und ich in Bremen auf der Premiere der ersten deutsch-türkischen Oper Gegen die Wand. (Ja genau, aufbauend auf Fatih Akins Preisel-Film)

Opern finde ich eigentlich furchtbar langweilig. Opern sind wie wenn Hornbrillenträger ehrfürchtig vor dem grünen Fleck im Kunstmuseum stehen, den der Hausmeister mit Pril verursacht hat. Keinem fällt auf, dass es sich bei Opern nur um eine bunte Sprachentstellung handelt. Opern sind Veranstaltungen, zu denen sich Menschen in Ballkleider zwängen und in Farbtöpfe springen.
(Einmal zwang man mich zu Carmen und ich stellte fest: Ich bin 30 Jahre zu jung. Daher: Habet Verständnis für mein tristes Opern-Banausen-Dasein.)

Ganz anders gestern Abend:
Ballkleider und Farbtopfspringer gab es zwar auch bei Gegen die Wand, doch davon mal abgesehen: Die Musik war hervorragend. Westliche und orientalische Klänge wurden gekonnt gemischt, viel Symbolik und noch viel mehr Farben – Deutsch, Türkisch, Traditionen und Kulturen.
Die Schauspieler waren gut, besonders der Hauptdarsteller Cihad hat mir gefallen. Wenn er auf Türkisch sang, dann blühte er richtig auf.

Schlecht war allerdings, dass die Oper nur dann verstanden werden konnte, wenn man vorher den Film gesehen und gut in Erinnerung hatte. Das liegt wohl daran, dass sich die Opern-Inszenierung zu sehr am Film orientiert.

Und ein Hürriyet-Reporter fragte mich, ob ich die Oper denn nicht zu freizügig fände. Ja, sie war mir als Muslimin zu freizügig, aber mein Urteil gründet nur auf die künstlerische und musikalische Leistung, antwortete ich ihm und erfüllte damit nicht wirklich seine ersehnte Antwort.

Ach ja, Akin war leider nicht auf der Premiere, dafür aber Murat Kurnaz. Der sah ganz schön anders aus als zuletzt. Im ARD-Nachtmagazin gibt es Kurnaz (gleich nach Birte und mir), Ausschnitte aus der Inszenierung und weitere Kommentare zu sehen.

Prilflecken gab es keine.

Mehr gibt es hier, hier und hier.

Bildcredit: dpa

NUR EIN DISNEY-FILM

Während des US-Präsidentschaftwahlkampf in diesem Jahr fühlten sich ich und die Welt wie in einem schlechten Horrorfilm. Immer vor unseren Augen, die neue internationale Bedrohung schlechthin: Sarah Palin, nunmehr Ex-Vizepräsidentschaftskandidaten aus Alaska neben Russland. Nun stellt sich heraus, wir waren nicht in einem schlechten Horrorfilm, nein, wir waren in einem noch viel schlechteren Disney-Film: Hockey Mum. Warum uns das nicht früher eingeleuchtet ist?


HOCKEY MUM

Mehr Videos gibt es auf funny videos and funny pictures at CollegeHumor.

Das liegt wohl an Palins sehr überzeugendem Schauspieltalent. Jedenfalls möchte ich wieder einmal mein Fan-Sein für die CollegeHumor-Redaktion bekunden. Zwischendurch produzieren sie die horizontalsten Witze, noch viel häufiger aber beeindrucken sie durch kluge Videos. Weil die US-Amerikaner in diesem Jahr politisch geworden sind, ist es natürlich auch die in New York ansässige Redaktion. So drehten sie das eben gesehene Video oder untersuchten, was – according to Republicans – geschieht, wenn Obama gewinnt, oder – according to Democrats – geschieht, wenn McCain gewinnt.

MITTELMÄßIG

Was ich außerdem loswerden wollte: Das vorletzte Süddeutsche Zeitung Magazin ist hervorragend. Heft 45/2008 “100 unter 100″. Wunderbare Themen wie: Was denken seine Nächsten über den neuen SPD-Kanzlerkandidaten Steinmeier? (schöne Idee), das Geheimnis von Scheidegg (Der Bankangestellte Fridolin Pfanner verschwindet urplötzlich und spurlos. Was mit ihm geschah), der schlechteste Talentscout auf Erden und Donna Leon über Internationalen Tourismus bzw. Terrorismus (der tollste Versprecher ever).
So, da fragt sich der aufmerksame Leser: Wenn das Heft so toll ist, warum nennt Kübra diesen Post dann “mittelmäßig”?
Mittelmäßig ist exakt das Gefühl, das man hat, wenn man dieses Interview mit einem Genie liest.

Und dann gibt es noch etwas, was ich nicht im Netz finde, was man sich also hätte letzte Woche kaufen müssen. Einfach genial. Einfach traurig.

“Der tödliche Witz” ist Titel. Untertitel: “In den letzten acht Jahren haben wir uns daran gewöhnt, George W. Bush einfach als tapsigen Clown zu belächeln. Dabei sollten wir nicht vergessen: Wenn er im Januar sein Amt abgibt, wird der Clown mindestens 100.000 Menschen auf dem Gewissen haben – die Toten der Kriege, die er während seiner Amtstzeit angezettelt hat.” Und dann steht da noch “Eine Übersicht”.
Man schaut auf die rechte Seite und sieht lauter kleine Männchen. Jedes Männchen steht für einen Toten. Auf der ersten Seite sind 7000 Männchen für getötete Zivilisten in Afghanistan, 1000 Männchen für gefallene Soldaten in Afghanistan und der Rest, fast 3/4 der Seite, ist voll mit Männchen für zivile Opfer im Irak. Die Zahl: 88.400. Erschreckenderweise sagt mir die Zahl nichts, und auch die Seite voller Männchen löst noch keine nennenswerten Gefühle aus. Zu abgehärtet.
Dann blätter ich weiter: Noch mehr Männchen – 1 1/2 Seiten voll. Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken.
Die nächste Seite: Wieder voll.
Die nächste Seite: Wieder voll. Ich kann es nicht glauben. Wieviel sind 88.400? Ich schaue mir die Seite genauer an. Jedes Männchen ist eine Geschichte, ein Schicksal, ein Vater, ein Kind, eine Mutter, eine Freundin, ein Nachbar, ein Mensch.
Ein letztes Mal blättere ich: Noch mehr tote Zivilisten. Den letzten Drittel der Seite bilden gefallene Soldaten im Irak.

Nachtrag: Klickt hier. Schockierend.

EMEL, DUSSELDORF, NYT UND FREMDGEHEN

Jetzt, wo der Hausarbeitenstress beendet ist, Dinge, die in meinem Kopf herumschwirrten:

EMEL 50th ISSUE
Das muslimische Lifestyle Magazin aus London hat nun ihre Golden-Edition herausgebracht, weil 50. Ausgabe. Und ich war dabei! Aber: Meine Lieblingskolumnistin hört auf. Weil: Thema der Kolumne war das aufregend chaotische Singledasein in orientalischer Kultur (also Heiratskandidaten, die plötzlich neben Mama und Papa auf der Wohnzimmercoach sitzen; arrangierte Dates von Mama und ihren Freundinnen; arrangierte Dates von den eigenen Freundinnen; muslimisches Speed-Dating (Ja, das gibt es!!)) Und da sie nun endlich Mr. Perfect gefunden hat, findet mit dem Singelsein auch die Kolumne ihr Ende.
In der Reportage “Celebrating Best of Britian” werden random Muslime im Arbeitsalltag vorgestellt – vom British Airways-Piloten über die Polizistin bis hin zur Kopftuchtragenden Lehrerin.

Wo wir beim nächsten Thema wären: (Achtung Ironie)

In Düsseldorf sind Baskenmützen verboten. Jedenfalls dann, wenn man muslimische Lehrerin ist und die Baskenmütze als Surrogat für das Kopftuch verwendet. Deutschland ist nämlich ein Land, in dem Staat und Kirche strikt getrennt werden. Und weil wir konsequent sind, bleiben die Nonne und das Kreuz im Klassenzimmer, das Kopftuch und das ultimative Symbol der Unterdrückung, die Baskenmütze, müssen draußen bleiben.
Nachtrag: Hier schrieb man auch schon zu diesem Thema.

Ich hatte Collin Powell schon mal zitiert. Er sagte: “Is there something wrong with some seven-year-old Muslim-Amercian kid believing that he or she could be president?”
Und ich frage: Is there something wrong with some seven-year-old Muslim-German girl believing that she could be a teacher? Obviously yes in Dusseldorf.

Apropos Muslim-Americans:
Die New York Times schrieb diesen sehr interessanten Artikel und drückte damit aus, was ich fühlte, aber nicht aussprach.

Und sonst:
Ich habe überlegt umzuziehen. Nach WordPress. Weil ich auch so eine Tagwolke haben will. Nach ein bisschen Herumschnüffeln, ging ich fremd. Doch ich bereue, denn mein aktuelles Layout ist doch ganz schniecke. Nur mein Adresse finde ich zu lang. Was kann ich tun? Wer kann mir helfen?


YES WE CAN

Unglaublich. Als ich die allerersten Wahlergebnisse der ersten Bundesstaaten sah, da bin ich doch glatt vom Hocker gefallen: Es stand 8 zu 3 für McCain! Ich wollte schon weinen, da flatterten die Ergebnisse weiterer Staaten in die nächtlichen Studios des ZDF und ARD: Obama gewann einen Staat nach dem anderen, zügiger und zügiger. Es ward eine wunderbare Nacht. Mit Monsha und Vana war ich sehr lange hier. Bis vier Uhr etwas hockte ich im Bett mit Laptop auf dem Schoß und Claus Kleber aus Washington auf dem Schirm. Irgendwann wurde mir die Moderation zwar langweilig, meiner Euphorie konnte jedoch nur die Müdigkeit etwas abtun.
Vier Stunden Schlaf später hörten meine Schwester und ich uns begeistert diese Rede an:


CHANGE HAS COME TO AMERICA

YEYY: OBAMA IS THE 44th PRESIDENT OF THE UNITED STATES OF AMERICA!

Sahnehäubchen wäre gewesen, wenn ich nach 1 1/2-Stunden Schlangestehen ein Obama-Button ergattert hätte und kein McCain-Button…