WARUM ICH BLOGGE

Prokrastination!
Na, wer kennt den Begriff? Nun, Prokrastination ist nach “Burnout” DIE Trendkrankheit unserer Zeit schlechthin.
Das ist die Erkenntnis am Ende des Tages, dass man alles mögliche getan hat, aber nicht das, was man sollte. Man hat die Toilette geputzt, E-Mails gecheckt, “Wissen” bei YouTube und Wikipedia aufgesogen, die studiVZ-Profile der Freunde analysiert, aber NICHT die Hausarbeit angefangen, NICHT den Essay geschrieben und NICHT den Text zum Seminar gelesen.
Kurz: Das Aufschieben von Verpflichtungen. Und damit man kein schlechtes Gewissen bekommt, man hätte nix getan, tut man lauter andere tolle Dinge. Diagnose: Prokrastination.
Übrigens bitte ich euch darum, das Wort auf Englisch auszusprechen, auf Deutsch muss man sich so verkrampfen (“pchrrrokchhhrastination”). Also fortan nur noch Procrastination.

Ein sehr kreativer Umgang mit Procrastination ist hier in einem Video von Johnny Kelly zu beobachten: (hat mir Björn vor einigen Wochen zugeschickt)

Mehr könnt ihr hier lesen oder auf der eigens für diese Krankheit geschaffenen Webseite (die Person muss ja fürchterlich unter Procrastination leiden!)

Ich muss mich an dieser Stelle verabschieden. Denn Procrastination bedeutet außerdem auch: Bloggen.

ANLASARAK, HAK VE ÖZGÜRLÜK

Einigkeit und Recht und Freiheit auf Türkisch. Zwei Versionen.

Fußball vereint. Die Nationalhymne noch viel mehr. Sollten einige Türkeifans also noch immer trauern, gibt es eine schöne Aufmunterung für das Deutschland-Spanien-EM-Finalspiel heute Abend:
Die deutsche Nationalhyme türkischlich:

Also viel Spaß bei dem Spiel heute Abend!

 

OHNE MUSLIME KEIN EUROPA


“Ohne Muslime kein Europa” lautet der Titel eines Artikels in der Frankfurter Rundschau. Anlass: Jürgen Habermas trifft auf Tariq Ramadan. Thema der Diskussion: Muslime in Europa.Viele von euch werden den Soziologen Jürgen Habermas kennen, wenige aber nur den Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan (auf Platz 8 der “The World’s Top 20 Public Intellectuals”;
Umfrage von Foreign Policy). Unter jungen Muslimen ist er ziemlich populär: Immer wieder motiviert und drängt er junge Muslime sich am gesellschaftlichen Geschehen zu beteiligen und zu paritizipieren – ohne sich aber zu assimilieren. Mittlerweile gilt er als einer der Vordenker des “europäischen Islams”.

So trafen die beiden am 23. Juni 2008 in Elmau auf der Tagung “Muslims and Jews in Christian Europe” aufeinander und diskutierten. Ramadan kritisierte in seinem Vortrag die Situation der Muslime in Europa. Vor kurzem erst hatte ich darüber gebloggt, warum ich “deutscher” sein muss als “Deutsche” um “deutsch” zu sein. Eine ähnliche Problematik scheint sich nun also bis auf die europäische Ebene hinzuziehen: “Hat man eine andere Hautfarbe, trägt man einen fremden Namen, tut man sich gar schwer mit der Landessprache, werden immer neue Loyalitätsbeweise verlangt.” Am Ende steht die These: Muslime werden die ersten Europäer!
Ein höchst interessanter Artikel und wenn ihr herausfinden sollt, warum Muslime die ersten Europäer werden, dann bitte lesen:


Frankfurter Rundschau 25.06.2008

Ohne Muslime kein Europa

VON ARNO WIDMANN

Am 23. Juni 2008 um 15.05 Uhr ist es zu einer denkwürdigen Begegnung
gekommen. Tariq Ramadan, einer der umstrittensten Kämpfer für die
europäischen Muslime, begrüßte mit einem Handschlag Jürgen Habermas,
den Cheftheoretiker der Neuen Unübersichtlichkeit. Danach kam es nicht
etwa zu einem Streitgespräch oder zu einem Dialog. Das hatte die Regie
der auch sonst höchst prominent besetzten Tagung "Muslims and Jews in
Christian Europe" nicht vorgesehen. Ramadan hielt einen etwa
zwanzigminütigen Vortrag, und Habermas stellte ihm im Anschluss daran
ein paar Fragen. Habermas sprach von einer nicht gerade gleichwertigen
Verteilung der Rollen. Es war dennoch eine sehr eindrückliche
Veranstaltung.

Tariq Ramadan ging aus von Umfragen, die ergeben, dass 80 Prozent der
in Europa lebenden Einwanderer aus muslimischen Ländern keine
praktizierenden Moslems sind. Für sie stellen sich also die meisten der
so gern als Integrationsprobleme ins Feld geführten religiösen Fragen
nicht. Sie werden dennoch argwöhnisch beobachtet und einem Klima des
Verdachts ausgesetzt. Es genügt nicht, Steuern, Kranken- und
Sozialversicherung zu bezahlen, seine Pflichten als Staatsbürger zu
erfüllen, gesetzestreu zu sein. Hat man eine andere Hautfarbe, trägt
man einen fremden Namen, tut man sich gar schwer mit der Landessprache,
werden immer neue Loyalitätsbeweise verlangt. ...

Fortsetzung hier.

PS: Vielen Dank an Mustafa Yoldas für die tollen Hinweise auf Artikel etc!

LIEBESERKLÄRUNG

an die türkische Fußballnationalmannschaft:

Niemand hätte je gedacht, dass ihr so weit kommt! Nichts, nicht einmal unzählige Spielerausfälle, konnten euch davon aufhalten, so weit zu kommen.

Ihr habt ganz Europa in Atem gehalten, die aufregendsten Spiele geliefert, ihr habt Geschichte geschrieben.
Und heute: Mit Deutschland zusammen habt ihr uns bis zur letzten Minute unterhalten. Dankeschön!

So feiern heute die Türken, dass ihre Mannschaft so weit gekommen ist!
So feiern heute die Deutschen, dass ihre Mannschaft im Finale ist!
So haben die Deutschtürken den größten Grund zur Freude!

Ein Spiel noch, dann lösch ich all mein Fußballwissen.
Für die Türkischsprachigen unter euch: Milli Takim Anneleri!

MUST-HAVE-SEEN-AND-DONE IN LONDON

Solltest Du in nächster Zeit ein günstiges Ryanair-Wochenende in London bei den besten Gastgebern, Wanne und Goofy, planen, so gibt es neben der 0815-Tour meine persönlichen must-have-seen-and-done:1- Essen (South Hall)

Zu jedem vernünftigen Sight-Seeing gehört gutes und unvergessliches Essen. So sollte man unbedingt in ein indisches Pseudo-Halal-Restaurant in South Hall (Londons Karachi oder Neu-Delhi). Das Essen ist scharf und lecker, aber nur nebensächlich, denn bis es zum Essen kommt gibt es ein Hindernis zu überwältigen: Der bekiffte Kellner. Er nimmt die Bestellung durchschnittlich fünf Mal auf, wiederholt sie sieben Mal und lacht gruselig mit pakistanisch/indischem Akzent. Wie Lachen mit Akzent geht, muss man selbst herausfinden.

2- Royal-Mailbox besteigen (Brick Lane)

Mittlerweile hat jeder Londonbesucher ein Foto von sich in einer typisch roten Londoner Telefonzelle. Nur die kühlsten Innseiter jedoch besitzen ein Foto AUF einer typischen roten Londoner Royal-Mailbox. Die allerkühlsten stehen in Brick Lane, wo man nach dem scharfen Essen in South Hall wunderbar English Tea trinken kann.

3- Menschenkenntnis (überall in London)
Must-have-done-unbedingt ist Verlorengehen und jeden intelligent aussehenden Passanten nach dem Weg zu fragen. So merkt man schnell, wie schlecht man mit Menschenkenntnis ausgestattet ist und lernt London richtig kennen. Nach mindestens einem Tag Verlorengehen kennt man London wie die eigene Westentasche.

4- Die Oytser card (in Bus und Bahn)
“Biep”! Puh. “Biep!” Puh. “Grummel”. Ahhhh!
Ganz cool und lässig steigt man in den Doppeldeckerbus, hält die Oyster card (Plastikkarte zum Bus- und Bahnfahren) an die Maschine neben dem Fahrersitz und geht normalerweise ganz entspannt vorbei – außer es “grummelt” (= kein Geld mehr im Plastik): Dann heißt es erstmal zwei Pounds blechen. Überhaupt ist die Oyster card das Sorgenkind jeder London-Reise. Nach jeder Bus-/Bahnfahrt ruft einer: “Oh mein Gott, wo ist meine Oyster card?”. Und die große Suche beginnt. Die Oyster card geht in fünf Tagen bei einer Gruppengröße von sieben Personen mindestens zwei Mal verloren. So entsteht eine wunderbare Hassliebe zur Oyster card. DAS Mitbringsel aus London eben.
Übrigens erzählte mir Rabo, dass die Oyster card in Hong Kong “Octopus card” heißt.

5- Promi-Gefühl (Camden Market)
0815-Londonbesucher laufen am zweiten Tag ins Madame Tussauds, um Wachs zu fotografieren (kann man übrigens auch in Hamburg) und um Promiluft einzuatmen. Einfacher geht das auf dem Camden Market: An jeder Ecke stehen die wunderbaren Sonnenbrillenstände. Wählt man die richtige “Sonnenbrille”, so sieht man zum Beispiel aus wie Kanye West – wie diese Damen hier.

NNNNNE?!

Furchtbar. Mehrmals täglich mutiert Toffer B. zu einem “Nnnne?!”-Monster.
Das geschieht dann so:
Sobald die akademische Viertelstunde zur Pause schlägt und wir den Seminarraum verlassen, vibriert das Monster in Toffer B.s Tasche, er drückt auf den grünen Kopf und die Mutation beginnt. Erst erhöht sich seine Stimme um einige Oktaven, dann zappelt er herum und lässt die geschockt umstehenden Kommilitonen seine Sachen tragen, schließlich bringt er nur noch alle 2 Minuten ein “Nnnne?!” heraus. (daher auch: “Nnnne?!”-Monster) Das Gruselige daran ist, 1. dass Toffer von seiner Mutation bis vor kurzem nichts gemerkt hat und 2. dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung davon betroffen ist.Okay, vielleicht habe ich ein wenig übertrieben – das ändert jedoch nichts an dem Ernst und der Relevanz des gesellschaftlichen Mißstandes: Diese gespielte Überfreundlichkeit am Telefon, die extremst hohe Stimme und jeder – wirklich jeder – Satz endet mit “…, nnnne?!”. Das “Wir schaffen das schon, nnnne?!” oder “Dann hätten wir das also geklärt, nnnne?!” wird jeder kennen. Ein einfaches “…, ne?!” reicht vollkommen aus. Ich verstehe nicht, wieso man den Gesprächspartner in den Wahnsinn treiben und “nnnne?!” sagen muss.Nun: Toffer B. hat inzwischen von seinem Fehler gelernt und ist auf bestem Wege zur Genesung.
Werfen wir das “Nnnne?!” zu den anderen Unwörtern/-lauten der deutschen Sprache zu “halt”, “emmm” und “sozusagen.”

Nnnne, Toffer?!

I LOVE SARAH JANE

Ein schöner Film vom Hamburger Kurzfilmfestival”Jimbo ist 13 Jahre alt und liebt Sarah Jane. Ganz egal was passiert: Gewalt, Chaos oder Zombies – nichts kann ihn davon aufhalten, sie zu erobern.”, erklärte die Moderatorin des Kurzfilmfestivals bevor sie uns in der Dunkelheit mit dem gruseligen Liebesfilm allein ließ.
Wir sahen also einen wunderbaren Kurzfilm, einer der besten des Festivals, wie ich finde. Wie schön, dass Björn ihn auch bei YouTube gefunden hat!
Meine Lieblingsfigur ist übrigens der kleine pummelige Junge mit dem braunen Locken.
So teilt meine Freude und: let’s love Sarah Jane.

IDENTITÄTSKRISE

Nie, nie hätte ich gedacht, dass ich mal mehr verstehe von Fußball. Jahrelang sind sämtliche Fußballspiele kalt an mir vorübergezogen. Nur halbherzig und aus Gruppenzwang hab ich mir teilnahmslos die WM ageschaut. Allein zu dem Lied der Sportfreunde Stiller hab ich mitgesungen – ein Leben leicht und sorglos.
Da kommt das Unheil angeschossen: die EM 2008. Aus unerfindlichen Gründen begreife ich plötzlich, wieviele Spieler eine Mannschaft hat (11), wie lang ein Spiel dauert (90 min.) und was Abseits bedeutet (hier).
Dabei sei es nicht belassen: Eifrig kommentiere ich nach den Spielen die Spielzüge, fachmännisch fälle ich mein Urteil und gebe Prognosen ab.
Ahnungslos habe ich mich in eine Identitätskrise gestürzt:
“Für wen bist du Kübi?”
Türkei oder Deutschland? Türkiye oder Almanya?

Meine multiplen Persönlichkeiten der letzten Tage:

1- Die Lethargische: “Ich werde mir das Spiel nicht ankucken. Ich bin für niemanden.”

2- Die Pseudodiplomatin: “Ich bin für beide!”

3- Die Mutter Theresa: “Ich bin immer für die Schwächeren. Da Deutschland Favorit ist und die Türkei mit quasi der B-Mannschaft und nur 15 Spielern antritt, bin ich ein bisschen für die Türkei.”

Aber ehrlich -Angie, es tut mir Leid – Ich wünsche mir innigst, dass die Türkei gewinnt.

Tadaa! Da ist die Ursache für meine Identitätskrise, für meine multiple Persönlichkeit! Ich schreibe “Angie, es tut mir Leid.” und habe das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Warum?
Bin ich schlecht integriert, wenn ich nicht für Deutschland bin?
Es gibt schließlich auch Urdeutsche, die für die Türkei sind, warum nicht also auch ich?
Warum müssen Migrationshintergrundbesitzer “deutscher” sein als Urdeutsche um “Deutsche/r” zu sein?
Vielleicht finde ich rot-weiß einfach schicker als schwarz-rot-gold (oder rot-schwarz-gold, da sind sie sich beim ARD ja noch nicht so einig).
Außerdem: Für-die-Türkei-Sein ist nicht gleich Gegen-Deutschland-Sein, “nnnne?!”

So. Ich muss mich also gar nicht rechtfertigen. Dass ich dieses Gefühl habe, ist natürlich ein Problem.
Doch jetzt ertsmal: TÜRKIYE! TÜRKIYE!