DENKEN

Die neue FREIHAFEN widmet sich in ihrer neuen Ausgabe einem Thema, an das Menschen nur sehr ungern denken, weil sie gerade jenes sowieso nur ungern und selten tun: Denken. Schön verpackt in das Wörtchen “DENKMAL” wirkt das Titelthema weniger abschreckend.
Dringend lesen und gerne kommentieren – noch lieber: Mach mit! Als AutorIn, FotografIn, LayouterIn, GrafikerIn, OrganisatorIn! (mitmachen(äht)freihafen.org) Hier also das Editorial – Viel Denk- und Lesevergnügen!

Moin Moin 

Sorglos würden wir heute leben, wenn der Mensch nicht zum Denken verdammt worden wäre. Um nichts hätte man sich Gedanken machen müssen. Nicht über den Hunger, den Durst, die Atombombe, den Krieg, die Umwelt oder die Liebe.

Bevor wir nun also abschweifen und neidisch auf die mit einem schlichten Instinkt ausgestattete Tierwelt blicken, arrangieren wir uns schnellstens mit dieser unglücklichen Situation und machen diesen Umstand zu unserem Thema: Denkmal. Ein Denkmal soll an etwas erinnern und zum Denken anregen. Doch was, wenn sich alle Erinnerungen auslöschen? Oder wenn der eigene Körper zum Denkmal einer ungeliebten Vergangenheit wird?

Wir durchbrechen Denknormen und reisen zurück in die 68er. Und wenn wir schon mal da sind, plädieren wir auch gleich für das positive Denken. Und: Welche Personen haben ein Denkmal verdient? Außerdem sind wir bei einem höchst interessanten Hamburger Zuhause: Ein ehemals obdachloser Weltreisender. Kurios: Wir erfahren, warum ein Wirtschaftsingenieur mit Schaumstoffschlägern um sich prügelt. Zu guter Letzt möchten wir Frau Dorothea Scharff hiermit ein Denkmal setzen: Vielen lieben Dank für die sehr großzügige Spende!

Ganz unbedenkliche Grüße, Birte Lehmann und Kübra Yücel

WARUM TÖTEST DU, BUSH?

… müsste man den derzeitigen US-Präsidenten fragen und bekäme ausweichend zur Antwort, er weine jede Nacht.

 

 

“I’ve got God’s shoulder to cry on. And I cry a lot. I do a lot of crying in this job. I’ll bet I’ve shed more tears than you can count, as president.” –George W. Bush, as quoted by author Robert Draper in Dead Certain

Tagein, tagaus weinen tausende unschuldiger Menschen im Irak. Unschuldig – wohlgemerkt. Da liegt ein zentraler Unterschied zwischen Bushs Tränendüsenproduktion und dem menschlichsten und deutlichsten Schmerzensausdruck der Irakerinnen und Iraker. Unverschämt, was Bush damals von sich gab. Unverschämt ist es aber auch, den Krieg auf Bush zu reduzieren und ihn als “seinen” Fehler darzustellen. Dass Bush nur eine Marionette ist, dürfte jedem bekannt sein. Also wollen wir nicht weiter auf Bush herumtrampeln oder auf seinen “ass kicken”.

(All jene, die sich der Bush-Trampel-Aktionen trotzdem erfreuen, beklatscht den britischen Künstler Mark McGowan, der so durch New York lief.)



Nicht Bush sollte nunmehr im Mittelpunkt der Irak-Debatte stehen, sondern die Iraker:

Bitter, schnörkellos und direkt. Traurig, aber wahr. Der nackte Krieg. Der wahre Krieg. Unzensiert. Anders.
Das ist das Buch “Warum tötest du, Zaid?” von Jürgen Todenhöfer
(hier).


Der irakische Widerstand bekommt ein Gesicht. Wir lernen zu unterscheiden zwischen Widerstand und Terrorismus. Den Krieg haben wir bislang nur aus amerikanischer Perspektive wahrgenommen. Todenhöfer reist in den Irak, lebt bei einer irakischen Familie und interviewt Widerstandskämpfer. Er kommt zurück und erzählt (hier). Wir lernen Zaid kennen.

“Zaid ist der älteste von drei Brüdern. Haroun ist ein Jahr jünger als er, Karim zwei Jahre. Im Juli 2006 verbringt Haroun einige Nächte bei seinem Onkel im Zentrum von Ramadi. Haroun, der damals neunzehn Jahre alt ist, studiert Ingenieurwissenschaften. Er hat Semesterferien und genießt diese, so gut das in diesen Kriegszeiten eben geht.

 

Mit dem Widerstand hat er wie seine beiden Brüder wenig zu tun. Er hilft, wie alle Jugendlichen von Ramadi, den Widerstandskämpfern, wenn sie einen Unterschlupf suchen oder eine Information brauchen. Von sich aus aktiv wird er nicht.

Am 14. Juli 2006 macht sich Haroun früh morgens im Haus seines Onkels auf, um zu seiner Familie nach Al-Sufia zurückzukehren, bevor es zu heiß wird. Es ist kurz nach sieben Uhr, als er in die kleine Straße einbiegt, in der seine Familie wohnt.

Er kickt einen kleinen alten Ball vor sich her, den er irgendwo gefunden hat.

In der rechten Hand trägt er eine weiße Buschrose, die er im Morgengrauen für seine Mutter gepflückt hat. Einem Nachbarjungen, Jarir, der ihm auf der gegenüberliegenden Straßenseite entgegenkommt, ruft er ein freundliches Salam – Friede – zu.

Genau in diesem Augenblick – Haroun hat gerade das Wort Salam ausgesprochen – peitscht ein Schuss durch die Straße. Haroun fasst sich ungläubig an den Hinterkopf, geht wie in Zeitlupe in die Knie und fällt vornüber mit dem Gesicht in den Staub.

 

Leblos bleibt er im Dreck der Straße liegen. In seiner rechten Hand hält er die kleine weiße Rose, die er seiner Mutter schenken wollte.”

(Ausschnitt aus dem Kapitel “Zaids Brüder”)

 

Unbedingt lesens- und empfehlenswert. An jeden und vor allen denen, die bisher nur die eine Seite des Krieges kannten.

STOLPERGEFAHR

Schrecklich, was einem immer alles so passieren kann. Ich müsste mittlerweile eine platte Boxernase haben – so oft bin ich nun schon über tolle Bücher und Filme gestolpert.
Ab und an will ich euch also mit Buch- und Filmempfehlungen zuposten. Nehmt es mir nicht übel, schließlich riskiere ich beim Stolpern Nas’ und Aug’ für euch.
Also gebt Acht und fallt nicht selbst auf die Nase! Sonst seht ihr so aus:(Für den leider sehr unwahrscheinlichen Fall das Cher das lesen sollte: Liebe Cher, das, was ich eben schrieb, ist nicht abwertend gemeint. Ich rechne dir deine pädogogisch höchst wertvolle Absicht, durch deine OPs der Jugend ein abschreckendes Beispiel sein zu wollen, sehr hoch an. In Liebe, Qüpra)

"KABUMM"

… machte es vor einigen Stunden hinter meinem Wagen und ein 5er-BMW war bei mir eingekracht. “Ahh, ein Autounfall!” war mein erster (sehr lauter) Gedanke, der zweite: “Mein Leben ist eine Soap.” Damit konnte ich mir Mareikes Geburtstag abschminken (Herzlichen Burzeltag an dieser Stelle!).
Panisch stieg ich also aus dem Wagen und lief auf den BMW-Fahrer zu, der bei diesen Fahrkünsten seinen Führerschein wohl bei Ebay ersteigert haben muss. Offensichtlich hatte ich Recht mit dieser Vermutung, denn sein Gesicht war ein einziges “Soll ich brav bleiben und aussteigen oder davonrasen und mich retten?” Letzteres muss ihm schlüssiger erschienen sein, denn mir immernoch ins Gesicht starrend trat er auf das Gaspedal und düste davon. Wunderbar, nun auch noch Fahrerflucht. Der Abend könnte nicht besser ausklingen.
Glück im Unglück, ich (= mein Wagen) kam mit einer kleinen Schramme davon (da mir hier das Fachvokabular fehlt, müsst ihr euch mit einem “irgenwo hinten rechts” zufrieden geben). Der Unfallverursacher hingegen hat nun eine etwas größere Schramme, eine Anzeige und drei Zeugen am Hals. Außerdem zwei Streifenwagen, die ihn vielleicht noch immer verfolgen. Auf jeden Fall aber ein schlechtes Gewissen und mich.
(Ein Bild der Schramme folgt irgendwann)

KÜBRANGELA

Deutsche Fußballer in der türkischen Nationalmannschaft sind uns ein gewohnter Anblick. Ein sehr schmerzlicher jedoch für unsere Bundeskanzlerin:
“Das zu sehen, versetzt mir einen Stich ins Herz.”, erklärte Angela Merkel am Montag – zu meinem Erstaunen.
Noch verblüffender dann ihre Bekundung, man müsse sich mit der tiefen Verbundenheit der Deutschtürken zur Türkei abfinden und damit umgehen lernen.
Zugegeben, ich leide nicht unter einem solchen Heim-/Fernweh, doch: Ich war sehr gerührt von so viel kanzlerscher Empathie. Just in diesem Moment – beflügelt von Mitleid für die mächtigste Frau Deutschlands – versicherte ich ihr (sinngemäß), dass ich, eine “Deutschtürkin”, sie mag, ihr Engagement für Integration sehr schätze und grinste ermunternd ins Mikro.
Daher: Ich sollte mein Studium hinschmeißen und Angies persönliche Motivationstrainerin werden. Oder mein Studium hinschmeißen und Integrationsbeauftragte Böhmers persönliche Assistentin werden und die “Migranten” retten. Oder aber mein Studium nicht hinschmeißen und beide retten.
Das waren übrigens allesamt Kuriositäten, die am Montag (o5. Mai) in Berlin im Bundeskanzleramt auf dem zweiten Jugendintegrationsgipfel stattfanden. Mehr darüber könnt ihr hier lesen oder auch hier. Alternativ könnt ihr euch an dem wunderbaren Duo auf dem Bild ergötzen: Kübrangela.

Übrigens (nach tausend Nachfragen) das Bild ist echt! Hab sogar noch mehr, ich Angeberin.

DIE SONNE IST SCHULD

1.Mai_1
1. Mai in Hamburg 2008, Bild von Evgeny Makarov

Die Sonnenbrille, wo ist sie nur? Die UV-Wellen prallten voll auf mein Gesicht und verwehrten mir den Blick auf die andere Straßenseite. Kaum hatte ich sie tief in meiner Tasche gefunden, da sprang das Ampelmännchen auf grün. Mir radelte eine etwas ältere, bonzige Dame entgegen. Bonzig, weil klischeehaft: Polo-Shirt, pinker Pullover über die Schultern geworfen und vorne lässig-reich zugeknotet, Perlenkette am Hals und -stecker an Ohren. Da fiel ich aus allen Wolken, als sie tatsächlich mitten auf der Straße stehen blieb, den Fuß absetzte, mir “Schleiereule” zurief und eiligst davon fuhr. Ich war wirklich so baff, dass mir (!) die Worte fehlten. Was war geschehen, mitten in Hamburg, der Metropole, der weltoffenen Stadt, dem “Tor zur Welt”?

1. Mai 2008, überall Sonnenschein, überall blitzte das Sonnenlicht. Kein Wunder, Glatzköpfe reflektieren besonders gut und davon waren heute sehr viele in Hamburg: Der Naziaufmarsch in Hamburg, Barmbek.
Mit zwei Fotografen aus der FREIHAFEN-Redaktion, Oign und Andi, und dank Presseausweis waren wir durch die Polizeiabsperrung direkt zu den Springstieflern gegangen, ich wollte sie nämlich interviewen. Ich hab dann leider gekniffen und ihnen dafür aber zugewunken. Nachdem sie mich und mein Kopftuch fast zu Tode angestarrt hatten und ich klugerweise entschied, sie durch ein glückliches Winken zu irritieren.

Worauf ich eigentlich hinaus will, ist die Sonne. Jegliche Methodenforschung ignorierend stelle ich fest: Bei beiden Ereignissen war die Sonne dabei. Ergo: Die Sonne ist Schuld an der Bräune.