DIE DEUTSCHEN HAUSTÜRKEN

Bildschirmfoto 2013-05-02 um 23.52.50Necla Kelek und Thilo Sarrazin am 30. August 2010 auf der Pressekonferenz anlässlich Sarrazins Buchveröffentlichung “Deutschland schafft sich ab” in Berlin (Bild Eigener Screenshot aus der Phoenix-Liveübertragung)

Auch als Minderheit hat man Privilegien. Beispielsweise dann, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Dort haben wir eine Deutungs- und Meinungshoheit über unsere Leute, unsere Minderheit. Das ist unsere Geldmaschine. Unsere Macht.

Ich könnte jeden Schwachsinn erzählen, ich würde immer irgendwo Menschen finden, die ihn bereitwillig glauben. Denn wenn ich es sage, „die Türkin“, „die Muslimin“, dann wird es schon stimmen. Ich muss nichts beweisen. Das fängt an bei ironischen Märchen wie: „Na klar duschen wir mit dem Kopftuch“ (schon passiert). Und hört tatsächlich nirgendwo auf. Er geht so weit, wie „der Türke“ oder „die Türkin“ ihn gerne treiben mag.

„Die [islamisch erzogenen, Anm. der Red.] Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren“, sagte Necla Kelek im ZDF und fuhr fort: „Besonders der Mann nicht, und der ist ständig eigentlich herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier […].“

Tja, wenn selbst „die Türkin“ (und wenn sie Lust hat, auch „die Muslimin“) Kelek erzählt, dass muslimische Männer ihre Sexualität an Tieren entleeren, dann muss es halt stimmen. Und ganz egal, was die UNO kürzlich dazu sagte – Thilo Sarrazin kann kein Rassist sein, weil „die Türkin“ Kelek doch eifrig nickte, bei seiner Buchveröffentlichung mit am Tisch saß. Wenn selbst „die Türkin“ ihm zustimmt, dann hat er sicher recht.

Eine andere „die Türkin“ lief mit Sarrazin durch Kreuzberg und erzählte später vom „Kreuzberger Mob“, den aggressiven Reaktionen dieser unzivilisierten Multikulti-Verharmloser und verschwieg die Beleidigungen, die sich der „Mob“ von ihrem Begleiter anhören musste.

Jüngst schrieb „der Türke“ Akif Pirincci vom schleichenden Genozid an den Deutschen durch die türkischen und muslimischen Männer: „Wie wird die Zukunft aussehen? Diese sich steigernde Deutsche-Totschlägerei wird medial sukzessive an ihrer Brisanz verlieren, so sehr, dass nur noch die allerschlimmsten Fälle in der Gewichtung von schweren Autounfällen Erwähnung finden werden.“

„Der Türke“ darf alles über seine Leute sagen und schreiben. Er darf sie beleidigen und rassistischer sein als der leidenschaftlichste Rassist. „Ihr kopfbetuchten und verschleierten Frauen, ich appelliere an euer Mutterherz und an euren Mutterstolz. Nicht nur, dass ihr in dieser Aufmachung wirklich widerlich ausseht, nein, dadurch bekommt ihr auch total hässliche, doofe und im schlimmsten Fall missgebildete Kinder“, so Pirincci zuletzt.

Vor vielen Jahren unterschied ein kluger Mann in den USA zwischen Haussklaven und Feldsklaven (im Original wurde damals das N-Wort verwendet). Der schwarze Haussklave identifiziere sich mit seinem weißen Herrn, er spreche wie er und denke wie er. Und beizeiten ist er gar erbarmungsloser und brutaler gegenüber seinesgleichen, den Feldsklaven. Und diese Haus- und Feldmentalität gebe es in ihrer modernen Form noch immer in den USA.

Deutschland ist nicht USA. Deutschtürken hier waren beileibe keine Sklaven. Nein. Aber was uns das Beispiel zeigt, ist:

Auch Minderheiten können rassistisch sein. Gegenüber anderen Minderheiten, aber auch gegen sich selbst. Und wenn ich heute Onkel Akif und Tante Necla lese, dann kann ich nicht mehr anders, als zu denken: Das sind sie, die Haustürken Deutschlands.

Dieser Text erschien leicht verkürzt als Kolume in der Taz

Hier schrieb ich eine Replik auf die Kritik von Stefanowitsch am Wort “Haustürken”

ÜBER DEN BEGRIFF “HAUSTÜRKEN”

Mit “Die imaginären Haustürken” hat Anatol Stefanowitsch einen klugen und kritischen Kommentar zu meiner letzten Kolumne in der Taz “Die deutschen Haustürken” geschrieben. Deshalb möchte hier auf meinem Blog darauf eingehen. In seinem Kommentar kritisiert er die Verwendung des Begriffs “Haustürken.”

Seine erste Kritik bezieht sich auf den historischen Zusammenhang. Nachdem er den Zusammenhang und die Berechtigung der Nutzung dieses Begriffs durch Malcolm X erklärt, fährt Stefanowitsch wie folgt fort:

Tatsächlich aber dürften wenigstens Zweifel an der Existenz einer großen Zahl von „Onkel Toms“ angebracht sein. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)

Ich denke nicht, dass die Zahl der “Onkel Toms” in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist, da es sich um eine Typologisierung einer Mentalität handelt.

Auch Haussklaven waren Sklaven, die ausgebeutet und missbraucht und ohne Rücksicht auf Familienbeziehungen ge- und verkauft wurden. Die Idee, dass sie das nicht durchschaut und sich stattdessen in großer Zahl mit ihren Peinigern solidarisiert haben, dürfte eher (weißen) medialen Darstellungen als der Wirklichkeit entspringen. Zumindest verbietet es sich, die Narrative unreflektiert zu übernehmen und auf andere Zusammenhänge anzuwenden, wie Gümüsay das tut. Spätestens mit dieser Übertragung akzeptiert man den Wahrheitsgehalt, und damit die rassistische Perspektive, dieser Narrative. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)

So habe ich Malcolm X nicht verstanden. So wie ich ihn verstehe, meint er mit der Verwendung des Begriffs “Haussklave” nicht, dass alle Sklaven, die im Haus lebten, diesem Typus zuzuordnen sind. Stattdessen erklärt er, dass der Typus Haussklave, namentlich die “Onkel Toms”, für gewöhnlich im Haus oder in der Nähe des Masters lebten und veranschaulicht deren Geisteshaltung. Zwar schreibt Stefanowitsch, dass Malcolm X dies als Allegorie zur Veranschaulichung verwende und dies berechtigt sei. Andererseits ist es aber auch genau diese Allegorie, auf die ich mich in meinem Text beziehe.

Hier die besagten Stellen aus Malcolm X’ Rede:

The house N**** usually lived close to his master. He dressed like his master. He wore his master’s second-hand clothes. He ate food that his master left on the table. (Quelle: Columbia CNMTL)

Die Quintessenz seiner Rede ist allerdings der Transfer in die Moderne, zu dem Haussklaven des 20. Jahrhunderts:

So now you have a twentieth-century-type of house N****. A twentieth-century Uncle Tom. He’s just as much an Uncle Tom today as Uncle Tom was 100 and 200 years ago. Only he’s a modern Uncle Tom. That Uncle Tom wore a handkerchief around his head. This Uncle Tom wears a top hat. He’s sharp. He dresses just like you do. He speaks the same phraseology, the same language. He tries to speak it better than you do. He speaks with the same accents, same diction. And when you say, “your army,” he says, “our army.” He hasn’t got anybody to defend him, but anytime you say “we” he says “we.” “Our president,” “our government,” “our Senate,” “our congressmen,” “our this and our that.” And he hasn’t even got a seat in that “our” even at the end of the line. So this is the twentieth-century N****. Whenever you say “you,” the personal pronoun in the singular or in the plural, he uses it right along with you. When you say you’re in trouble, he says, “Yes, we’re in trouble.” 

But there’s another kind of Black man on the scene. If you say you’re in trouble, he says, “Yes, you’re in trouble.” [Laughter] He doesn’t identify himself with your plight whatsoever. (Quelle: Columbia CNMTL)

Es geht also, so mein Verständnis, vielmehr um eine bestimmte Geisteshaltung und Mentalität. Und genau die ist es, (ich weiß, hier wiederhole ich mich) auf die ich mich in meinem Text beziehe.

Als zweites Problem führt Stefanowitsch folgenden Kritikpunkt an:

Das zweite Problem besteht darin, dass Gümüsay den von ihr (inhaltlich durchaus zu recht) kritisierten Necla Kelek und Akif Pirincci durch die Kategorisierung als „Haustürken“ nicht nur, wie vielleicht intendiert, die Legitimation abspricht, für die Türken (bzw. Deutsche mit türkischem Hintergrund) insgesamt zu sprechen, sondern die Legitimation abspricht, überhaupt als Türken (bzw. Deutsche mit türkischem Hintergrund) zu sprechen. Die Kategorisierung als „Haustürke“ suggeriert, dass Kelek, Pirincci und andere so stark mit den Machtstrukturen der deutschen Mehrheitsgesellschaft identfizieren, dass sie nicht mehr für sich, sondern für die Mehrheitsgesellschaft reden. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)

In meiner Kolumne spreche ich Pirincci oder Kelek weder die Legitimation ab für noch als ” Türken” zu sprechen (außerdem auch nicht Intellekt und Eigenständigkeit). Das kann ich nicht, ist aber auch nicht Thema des Textes. Zwar könnte die exakte, wort-getreue Übertragung der Allegorie “Haussklave” zu “Haustürke” tatsächlich bedeuten, dass sich Kelek und Pirincci mit (rassistischen) Machtstrukturen identifizieren und deshalb nicht als “Türken” (bzw. Deutsche mit türkischem Hintergrund) sprechen, aber:

Abweichend von Malcolm X’ Allegorie mache ich in meiner Kolumne immer wieder deutlich, dass Pirincci und Kelek als “der/die Türke/in” sprechen und auch so wahrgenommen werden – insbesondere Kelek: Sie wechselt mal von der “Deutschen” zur “Bürgerin” zur “Türkin” und wenn ihr danach ist, dann auch zur “Muslimin”, um sich Wochen danach als “religionsfrei” zu bezeichnen. Insofern mache ich hier also eine Einschränkung in der Übertragung der Haussklaven-Allegorie.

Man könnte an dieser Stelle einhacken und boshaft nachfragen, ob ich finde, dass sie das künftig nicht mehr dürfen sollten? Sollen sich Pirincci und Kelek bezeichnen und identifizieren, wie ihnen lustig ist. Mich interessiert das nicht.

Mich interessiert eine ganz andere Sache: Ich kritisiere, dass diese Personen als Kronzeugen in der Öffentlickeit den Rassismus reproduzieren und die Rhetorik von Rassisten nicht nur annehmen, sondern in einer verschärften und teilweise hetzerisch-ketzerischen Form wiederverwenden (siehe die in der Kolumne zitierten Textstellen von Kelek und Pirincci) – und ihre Minderheiten-Rolle dient ihnen dabei quasi als Freischein.Ich möchte (aus der Kolumne) wiederholen: Auch Minderheiten können Rassismus reproduzieren. Gegenüber anderen Minderheiten und gegenüber ihrer eigenen.

Zuletzt schreibt Stefanowitsch:

Zielführender wäre es gewesen, zu zeigen, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft nur zu bereit ist, sich eben denjenigen Meinungen von Angehörigen einer Minderheit herauszusuchen, die gut zu ihrem Selbstbild passen und die es nicht erfordern, die eigene Rolle zu reflektieren oder gar zu verändern. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)

D’accord. Das ist – wie in der Kolumne geschrieben – ein Teil meiner Kritik (siehe die ersten beiden Absätze).

Das ist aber kaum Kelek und Pirincci anzulasten, sondern denjenigen, die deren Positionen unter Ausschluss von Fakten oder anderen Positionen politisch instrumentalisieren. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)

Das sehe ich anders. Denn wie ich schon zu Anfang schon meiner Kolumne schrieb: Das ist unsere Geldmaschine.

Beharre ich aber auf dem Begriff “Haustürken”? Nein. Für Alternativen, die dieses Phänomen oder diese Geisteshaltung besser beschreiben, bin ich offen. Patricia schrieb auf meiner Facebook-Seite: “Ich würde hier eher in Homi Bhabhas Sinne von Mimikry sprechen als von ‘Feld-” und “Haussklaven’.” Darüber werde ich nachdenken.

EINFACH MAL MACHEN: ZAHNRÄDER

“It’s better to light a candle than to curse the darkness”
Spruch auf einem der Zahnräder-Jutebeutel  | Bild von Seren Başoğul

Mitte April fand in Heidelberg die Zahnräder Konferenz 2013 statt – über 100 Muslime aus ganz Deutschland und sogar Österreich und der Schweiz kamen zusammen, um sich auszutauschen, zu netzwerken, über ihr Engagement zu informieren, neue Unterstützter zu gewinnen und sich für das Preisgeld zu bewerben.

Schon zum dritten Mal fand nun die bundesweite Zahnräder Konferenz statt, zahlreiche Konferenzen haben bereits auf lokaler Ebene stattgefunden – und trotzdem: Jedes Mal überwältigt mich die Energie der vielen engagierten und aktiven Menschen, die ich dort treffe. Obwohl ich dieses Mal ziemlich, ziemlich erschöpft und müde vom ganzen Reisen in den Tagen zuvor war, mit meinem Presseteam während der Konferenz hart arbeitete und deshalb nur halbwegs aufnahmefähig war, haben mich die Menschen, ihre Ideen und ihre Begeisterung unheimlich beeindruckt.

Man hat es schon oft gesagt, aber nicht oft genug: Integration ist von gestern. Partizipation ist die Zukunft. Genau das tun junge Muslime in Deutschland. Sie beschäftigen sich mit Umweltthemen (Gewinner 2010: HIMA; Gewinner 2013: NOUR Energy; Bodenproben;…), Barrierefreiheit (Gewinner 2013: Deaf Islam), Kunst (Gewinner 2011: i,Slam; Muslim Talents; Schattenwelten; Islamische Denkfabrik;…), Bildung (Gewinner 2010: Study Coach; Grüne Banane; Gewinner 2013: Spielen bildet und verbindet; …) Medien (Gewinner 2010: Cube Mag; Gewinner 2010: Muslime TV; …), Politik, Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft … man kann die Liste endlos weiterführen. Continue reading

GUT GEMEINT, ABER: NEIN, DANKE!

femen-muslimahpride

Die Aktivistinnen von Femen wollen die muslimische Frau befreien. Was die dazu sagt, spielt dabei keine Rolle. Wie aus einer guten Sache eine hässliche wird.

Mit erhobenen Fäusten und nacktem Oberkörper protestierten vorige Woche Aktivistinnen der Gruppe Femen aus Solidarität zu Amina Tyler. Die Tunesierin hatte Bilder von sich online gestellt, auf denen sie barbusig mit der Aufschrift „Fuck your Morals“ und „Mein Körper gehört mir und ist nicht Quelle von irgendjemandes Ehre“ zu sehen war.

Damit hatte Tyler eine Kontroverse in Tunesien entfacht. Als konservative Prediger Peitschenhiebe und gar die Steinigung der jungen Frau forderten und Tyler für mehrere Tage von der Bildfläche verschwand, kündigte Femen den internationalen „Topless Jihad Day“ an.

So weit komme ich noch mit. So weit stünde ich auch voll hinter den Protesten, wenn sie beispielsweise vor dem tunesischen Konsulat stattfinden würden. Denn das Konsulat ist ein Symbol staatlicher tunesischer Macht.

Lächerlich und sinnbefreit wird es allerdings, wenn sich die Femen-Frauen barbusig und mit den Aufschriften „Fuck your morals“, „Fuck Islamism“, „Arab Women Against Islamism“ und „Free Amina“ vor eine Ahmadiyya-Moschee stellen, wie das letzte Woche in Berlin geschah. Vor die Moschee einer religiösen Minderheit also, die in vielen islamischen Ländern verfolgt wird. Was war die Idee? Das sind alles Muslime, wird schon irgendwie passen? Es passt nicht. Continue reading

DER ALLER-SUPADUPA-HYPER-ÜBERTRIEBEN-BESTE DEUTSCHE

“Sie [Die Deutschen] sind mittlerweile zu einem Haufen von Duckmäusern pervertiert, die unter der linksgrünen Gesinnungsdiktatur in völliger Furcht um ihr gesellschaftliches Ansehen, inzwischen auch um ihre Existenz nichts mehr politisch Unkorrektes zu sagen wagen, schon gar nicht würden sie dafür demonstrieren. Denn wie wir derzeit den Medien entnehmen, wird eher ein Salafist zum Polizisten, als ein Deutscher, der sich zum Patriotismus bekennt. Zudem haben die Deutschen ihr Leben und die Verantwortung dafür zur Gänze dem Staat anvertraut. Der Nachbarsjunge ist von Ausländern erschlagen worden? Ja schade um ihn, da soll sich aber der Staat drum kümmern. Was hab ich denn damit zu tun? Nachher denkt man, ich bin ausländerfeindlich.”

Das Schlachten hat begonnen”

Ich will gar nicht viele Worte verlieren, denn über Menschen
wie Akif Pirinçci ist eigentlich alles schon einmal gesagt worden.

DEDE II

Ic3x6K0P(1)“Nasılsın?”, diye soruyorum.
“Elhamdulillah” diyorsun, sakin ve gülümseyerek.
Sessizce ağlıyorsun.

VON EINER, DIE AUSZOG

marshmallow26

via Hyperbole & A Half – because she gets what she wants.

Disclaimer: Dieser Artikel ist für den Rest der Welt vermutlich absolut uninteressant und irrelevant. Aber das ist mein Blog und deshalb wird der Text hier trotzdem veröffentlicht.

 

Meine Damen und Herren. Schauet und genießet das neue Design.

 

schrieb ich vor knapp einem Jahr als mich wieder einmal die Beklemmung ergriff. Das Gefühl, etwas radikal ändern zu müssen. Andere Menschen verpassen sich in solchen Situationen eine verrückte Frisur, entrümpeln ihren Kleiderschrank oder schieben das Sofa in eine andere Zimmerecke. Ich hingegen setzte ich mich jedes Mal an meinen Laptop und versuchte mein Blogspot-Blog umzustylen. Herzklopfend und aufgeregt wagte ich mich in den gefährlichen HTML-Bereich meines Blogs und legte etliche Zwischenspeicher an – in Angst, die vielen Jahre Blogarbeit könnten mir mit einem Klick davonflutschen, auf Nimmerwiedersehen im HTML-Nirvana.

Das war auch der Grund, warum ich nie auszog und meine Bloggerheimat Blogspot verließ. Würden all die Liebe, der Schweiß und das Herzblut mit mir ziehen nach WordPress? Ich war mir unsicher. Niemand konnte mich von den technischen Finessen der Internet-Neuzeit überzeugen und so blieb ich dabei. Denn ein echter Paint-Profi, redete ich mir ein, macht aus seiner Situation das Beste und zaubert sich einfach ein Design hämmert, klebt und tackert sich eine Seite in mühevoller Arbeit einfach zusammen (Durchstreichen. Ha. Das wollte ich schon immer Mal tun!). Deshalb schrieb ich damals stolz:

 

Ich bin eine HTML-Königin mit Paint-Profi-Syndrom. Und das ist auch gut so.

 

 Heute weiß ich’s besser: Das ist nicht gut so. Das ist höchstens okay.

Auch ich möchte nämlich endlich, endlich ganz praktisch – mit nur einem Klick! – einen Weiterlesenknopf Continue reading

WENN DIE KAMERAS AUS SIND…

Die Debatten in deutschen Talkshows sind gut bezahlte Hahnenkämpfe. Das mag keine brisante Neuigkeit für Sie sein, vielleicht sollte sich das jeder gescheite Mensch auch denken können. Vor zwei Jahren, ich war noch jung, lernte ich das auf die ungemütliche Tour.
Es war eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, die mich zur Debatte einlud. Der Titel war schön knallig. Ein Prise Islam hier, eine Prise Ur-Deutsches da: „Kopftuch und Currywurst.“ Ein Titel wie aus der Bild. Eigentlich wäre das schon Grund genug gewesen, abzusagen.
Aber wie gesagt, ich war jung, ich hatte Hoffnung. Und die Gästeliste war okay. Nur ein Gast, ein geübter Talkshow-Gänger und Quoten-Muslim, versprach dicke Luft. Die meisten in meinem Freundeskreis rieten mir ab. Dann aber erzählte mir ein Freund, dass er den Mann kürzlich interviewt habe. Mit dem lasse sich diskutieren. Klingt gut, dachte ich. Herausforderung angenommen. Mein Plan: Mich mit dem Gast vorab treffen und kennenlernen. Denn wenn ihm wirklich etwas an dem Thema läge und sich wirklich mit ihm diskutieren ließe, dann würden wir die Sendung schon rocken – konstruktiv und inhaltsreich!
So weit, so naiv. Wir trafen uns also tatsächlich vor der Sendung und ich erlebte einen wunderbar angenehmen Gesprächspartner. Wir sprachen über die Probleme der muslimischen Community, diskutierten Lösungsansätze, kritisierten Islamophobie und Rassismus. Wir verstanden uns gut. Bis wir im Studio saßen. Die Kamera läuft.

DRUCK

Ich bin ein Internetkind. Seitdem ich im Ausland lebe, spielt auch das Telefon immer weniger eine Rolle. Selten noch telefoniere ich einfach so mit Freunden und verquatsche mich bis spät in die Nacht, wie ich das früher tat. Heute verabrede ich mich zum Skype-Gespräch. Und immer muss einer schon nach einer halben Stunde wieder weg, arbeiten, zur nächsten Konferenz oder wir geben beim zehnten “Hörst du mich?” auf.

Ich chatte auch nicht mehr nächtelang wie damals in meiner Jugend. Die Chatprogramme auf dem Handy machen mich müde, ich mag nicht auf dem Handy tippen. Mit vielen Freunden, die ich sehr liebe, kommuniziere ich deshalb gar nicht mehr (Verzeiht mir!). Ich will ihnen keine kurzen, schnellen E-Mails schreiben. Ich will ihnen Zeit, Mühe und Liebe widmen. Deshalb warte ich bis wir uns wiedersehen, um ihnen meine volle Aufmerksamkeit zu schenken, um sie mit Geschichten, Gedanken und Erlebnissen zu überhäufen, um Gefühle zu transportieren.

Dann gibt es Freunde, die ich vermutlich nie wieder sehen werde. Es sind Freundschaften, die rein zufällig entstanden sind. Man verbringt ein langes Wochenende zusammen, unterhält sich auf Zugreisen, Autofahrten, im Halbschlaf im Wohnzimmer im Versuch die kurze gemeinsame Zeit bis in die letzten Sekunden auszukosten. Und dann kommt die Stille.

Langsam schreiben wir uns dann E-Mails, lange und ausführliche. Wir kommunizieren selten, die Antworten brauchen manchmal Wochen, aber sie kommen. Sie sind mit Bedacht geschrieben, wir gehen aufeinander ein. Hören dem Ton der E-Mail zu und entdecken die Stimmungen dahinter. Manchmal fließt die E-Mail und weg ist sie. Manchmal feilen wir an jedem Satz und lassen sie unfertig als “Entwurf” speichern, um sie erst Wochen später fortzuführen. Es sind schöne E-Mails, wertvolle. Solche, die in den Massen an “FYI”, “Kannst du kurz mal?”, Weiterleitungen, Protokollen, Anfragen, Newslettern und Tausenden an Mikro-E-Mails verloren gehen.

Diese E-Mails sind eigentlich Briefe. Werke, die man ausdrucken müsste, um sie, wenn es einem mal schlecht geht, in die Hand zu nehmen, zu fühlen. Das Papier salzig nässen, unterstreichen, an die Brust drücken, in das innere Seitenfach der Handtasche klemmen, im Klappordner im Kalender verstecken, als Lesezeichen in das Buch legen, das man gerade liest, oder aufhängen an der Pinnwand in der Küche. Werke, die uns im Alltag durch ihre Präsenz, ihr simples Dasein überraschen, erinnern und beglücken können. Man müsste sie in einem Ordner verstauen mit Herbstblättern, den Muscheln vom letzten Strandurlaub, der AirBerlin-Herz-Schokolade, die einem der Liebste mal mitbrachte, das Busticket, mit dem man die Stadt besichtigte, und die Kaugummipackung, die man während einer intensiven Unterhaltung sorgfältig plattgewalzt hat. Dazwischen müsste so ein Werk liegen.

Heute habe ich so eine E-Mail erhalten. Eine E-Mail, die ich immer wieder lesen möchte. Die aus der Person, die auf der anderen Seite des Atlantiks ein vollkommen fremdes Leben führt, mit der ich kaum mehr gemeinsam habe, als unsere wenigen Tage zusammen, eine gute Freundin macht.

Eine E-Mail, die Telefonate, SMS, Chats und verpasste Skype-Gespräche ersetzt.

Manche E-Mails sind Briefe. Und Briefe gehören gedruckt, gedrückt, geschmückt.